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ADHS & Lernen: Warum Strafen nichts bringen – mit Fabian Grolimund

Veröffentlich
16.9.26
Leonie Ries
Autor

ADHS & Lernen: Psychologe Fabian Grolimund erklärt, warum Strafen nichts bringen und wie Beziehung und Struktur Kindern wirklich helfen.

Kennst du das? Die Hausaufgaben werden zur täglichen Kraftprobe. Dein Kind sitzt am Tisch, du sitzt daneben und nach zehn Minuten ist die Stimmung bereits gekippt. Du willst helfen, du willst motivieren, und trotzdem endet es wieder in Tränen, Trotz oder eisigem Schweigen. Wenn dein Kind eine ADHS-Diagnose hat oder du einfach merkst, dass Lernen bei euch zuhause regelmäßig zum Konflikt wird, dann bist du hier genau richtig.

In diesem Gespräch mit dem Psychologen und Lerncoaching-Experten Fabian Grolimund sprechen wir offen darüber, warum Strafen beim Lernen langfristig nichts verändern, was Kinder mit ADHS wirklich brauchen und wie du als Elternteil konkret etwas bewegen kannst, ohne dass eure Beziehung dabei auf der Strecke bleibt.

Wer ist Fabian Grolimund?

Fabian Grolimund ist Psychologe und leitet gemeinsam mit seiner Kollegin Stefanie Rietzler die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Ihr Schwerpunkt liegt darauf, Kinder, Eltern und Lehrkräfte mit praxisnahen Strategien rund ums Lernen zu unterstützen, besonders wenn Kinder mit ADHS oder ADS besondere Herausforderungen mitbringen.

Gemeinsam haben Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler mehrere Bücher veröffentlicht, darunter das einfühlsame Kinderbuch Lotte, träumst du schon wieder? für verträumte und unaufmerksame Kinder sowie Erfolgreich lernen mit ADHS und ADS, ein praxisorientierter Ratgeber für Eltern und Fachpersonen. Beide Bücher sind auch als Hörbuch erhältlich.

Mehr zu Fabian Grolimund und seinen Angeboten findest du unter www.mit-kindern-lernen.ch sowie unter www.weiterbildung-lerncoaching.ch.

Können Kinder mit ADHS überhaupt lernen?

Diese Frage klingt provokant und ist es auch ein bisschen. Denn die Antwort ist eindeutig: Ja, natürlich können Kinder mit ADHS lernen. Was sie aber mitbringen, ist eine andere Art, Aufmerksamkeit zu steuern. Fabian Grolimund beschreibt es so: Eine ADHS ist kein Aufmerksamkeitsdefizit im Sinne von „zu wenig Aufmerksamkeit", sondern ein Aufmerksamkeitslenkungsdefizit.

Das bedeutet: Die Aufmerksamkeit lässt sich nicht einfach bewusst auf eine Aufgabe richten. Sie wandert dorthin, wo gerade etwas Spannendes, Buntes oder Interessantes passiert. In der Schule, wo viele Inhalte Übung und Ausdauer erfordern, ist das eine echte Herausforderung. Fabian Grolimund weiß das aus eigener Erfahrung, er selbst war als Kind sehr verträumt.

Besonders treffend ist ein Satz aus seinem Kinderbuch: „Alle sagen mir, ich soll mich besser konzentrieren, aber niemand sagt mir, wie das geht." Genau das ist der Kern des Problems. Kinder mit ADHS wollen sich konzentrieren. Sie wollen dazugehören. Und sie spüren sehr genau, wenn sie nicht ins Raster passen.

Warum Strafen beim Lernen mit ADHS langfristig nichts bringen

Wenn Kinder mit ADHS im Unterricht auffallen oder zuhause bei den Hausaufgaben nicht funktionieren wie erwartet, greifen viele Erwachsene, oft aus Mangel an Alternativen, zu Konsequenzen und Strafen. Fabian Grolimund stellt im Gespräch eine einfache, aber sehr direkte Frage an Lehrkräfte: Hat sich das Verhalten des Kindes durch das Strafsystem in den letzten Monaten wirklich verbessert?

Die ehrliche Antwort ist meistens: Nein. Häufig hat es sich sogar verschlechtert. Und die Beziehung zwischen Kind und Lehrkraft oder Kind und Elternteil hat gelitten. Kinder mit ADHS lernen aus Strafen nicht „Ich muss mich anders verhalten", sondern „Ich bin falsch. Ich bin das schwarze Schaf." Und aus diesem Gefühl heraus entsteht Widerstand, Rückzug oder oppositionelles Verhalten.

Was stattdessen hilft: Regeln üben. Konsequent und beharrlich, aber ohne Bestrafung. Fabian Grolimund beschreibt das Prinzip eindrücklich am Beispiel des ruhigen Gangs zur Turnhalle: Wenn ein Kind die Regel bricht, geht man nicht in die Konfrontation, sondern kehrt ruhig zurück und übt erneut. Mit Geduld, mit Haltung, mit dem klaren Signal: Ich glaube daran, dass du das schaffst.

Das Dreieck der Lösungen: Umwelt, Training und Akzeptanz

Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler arbeiten mit einem hilfreichen Denkmodell, wenn es darum geht, wo man bei Kindern mit ADHS ansetzen kann. Es geht um drei gleichzeitige Ansatzpunkte, die zusammen wirken.

Die Umwelt anpassen

Manchmal braucht es keine große Intervention, sondern eine kleine Veränderung im Alltag. Kann das Kind vielleicht am Abend besser lernen als direkt nach der Schule? Hilft Bewegung vor den Hausaufgaben? Funktioniert ein Timer, der sichtbar macht, wie viel Zeit noch bleibt? Kann man statt 30 Minuten am Stück lieber dreimal zehn Minuten mit kurzen Pausen einplanen?

Auch der Sitzplatz in der Schule spielt eine Rolle. Kinder mit ADHS sollten nah bei der Lehrkraft sitzen, nicht hinten in der Ecke neben den anderen, die ebenfalls Schwierigkeiten haben. Das klingt nach einer Kleinigkeit, macht aber einen enormen Unterschied.

Kompetenzen trainieren

Kinder mit ADHS können lernen, ihre Aufmerksamkeit besser zu steuern, aber das erfordert echtes Training, nicht nur Aufforderungen. Im Buch Lotte, träumst du schon wieder? gibt es dafür zum Beispiel den sogenannten Wolfsblick: die Fähigkeit, für einen kurzen Moment ganz im Hier und Jetzt zu sein und dann sofort loszulegen. Auch konkrete Wenn-Dann-Pläne helfen: Wenn ich die Antwort weiß, aber nicht dran bin, dann schreibe ich sie auf.

Solche Strategien geben Kindern das Gefühl von Kontrolle und Selbstwirksamkeit. Sie erleben: Ich habe Einfluss auf mein eigenes Verhalten. Das ist ein entscheidender Schritt heraus aus der Spirale von Hilflosigkeit und Widerstand.

Akzeptanz entwickeln

Manche Dinge lassen sich nicht wegtrainieren oder wegoptimieren. Die Aufmerksamkeitsspanne eines Kindes mit ADHS ist begrenzt. Das ist eine Tatsache, keine Schwäche. Wenn Eltern und Lehrkräfte das wirklich akzeptieren, verändert sich ihr Blick auf das Kind. Und damit verändert sich auch die Energie in der Lernsituation.

Fabian Grolimund empfiehlt zum Beispiel, gemeinsam mit der Lehrkraft eine realistische Hausaufgabenzeit zu vereinbaren. In der Schweiz gilt die Faustregel: etwa zehn Minuten pro Schuljahr. Wenn ein Kind der dritten Klasse dreißig Minuten gearbeitet hat, darf es aufhören. Unabhängig davon, ob das Arbeitsblatt fertig ist. Das klingt radikal, aber es schützt sowohl die Lernerfahrung als auch die Beziehung.

Die Beziehung ist das Fundament – nicht das fertige Arbeitsblatt

Einer der wichtigsten Sätze in diesem Gespräch kommt fast nebenbei: „Meine Hauptaufgabe als Elternteil ist es, dafür zu sorgen, dass die Beziehung gut bleibt." Nicht dafür, dass das Arbeitsblatt fertig wird.

Das ist leichter gesagt als getan. Denn wenn du weißt, dass gleich die Hausaufgaben kommen, bist du innerlich schon in Spannung. Und Kinder mit ADHS sind extrem feinfühlig. Sie merken, wenn du angespannt bist, wenn deine Stimme anders klingt, wenn du die Arme verschränkst oder die Stirn runzelst. Dieser Stress überträgt sich direkt auf ihr Nervensystem und macht konzentriertes Arbeiten noch schwieriger.

Fabian Grolimund beschreibt es so: Jede Hausaufgabensituation, die in guter Stimmung verläuft, ist wie eine Einzahlung auf das Motivationskonto des Kindes. Und jede Situation, in der das Lernen mit Stress, Kritik und Konflikten verbunden ist, verknüpft das Gehirn des Kindes mit einer klaren Botschaft: Lernen schadet der Beziehung zu meinen Eltern. Lernen ist Gefahr.

Die Amygdala, unser Alarmsystem im Gehirn, baut genau diesen Zusammenhang auf. Und dann ist es nur logisch, dass das Kind versucht, dem Lernen aus dem Weg zu gehen.

Was tun, wenn die Stimmung kippt?

Fabian Grolimund empfiehlt eine klare Haltung: Wenn du merkst, dass du angespannt wirst oder dein Kind in den Widerstand geht, macht ihr Pause. Nicht als Strafe, nicht als Vorwurf, sondern als Entscheidung. „Ich glaube, wir sind gerade in einer Stimmung, die nicht passt. Wir machen eine Pause und schauen, wann wir weitermachen."

Viele Eltern befürchten, dass das Kind diese Pause ausnutzt, um gar nicht mehr zu arbeiten. Aber Fabian Grolimund berichtet aus der Praxis: Sehr oft kommt das Kind zwanzig Minuten später von selbst und sagt, es könne jetzt weitermachen. Weil die Verbindung wiederhergestellt ist. Weil das Nervensystem sich beruhigt hat.

Was Lehrkräfte konkret tun können und warum Beziehung auch im Klassenzimmer zählt

Fabian Grolimund macht deutlich, dass das, was im Kleinen zuhause gilt, auch im Klassenzimmer wirkt. Eine Lehrkraft, die ein Kind dabei beobachtet, wenn es etwas richtig macht – und das zurückmeldet – verändert das Selbstbild dieses Kindes nachhaltig.

Er erzählt von einer Lehrerin, die kleine Kieselsteine in der Tasche trägt. Immer wenn ein Kind mit ADHS konzentriert dabei ist, legt sie ihm einen Stein aufs Pult. Kein großes Aufheben, keine Belohnung, einfach ein stilles Signal: Ich sehe dich. Ich sehe, dass du es gerade schaffst.

Geheimzeichen zwischen Lehrkraft und Kind funktionieren ähnlich. Ein impulsives Kind, das diesmal gewartet hat, bevor es die Antwort herausruft, bekommt ein kurzes, diskretes Zeichen und weiß: Das wurde gesehen. Das zählt. Dieses Erleben von Kompetenz und Verbindung ist für Kinder mit ADHS kein Nice-to-have, sondern ein echter Motivationsbooster.

Studien zeigen, dass Kinder mit ADHS besonders beziehungsabhängig lernen. Wenn sie das Gefühl haben, eine Lehrkraft mag sie wirklich, verändert das ihre Leistungsbereitschaft grundlegend. Das ist keine Schwäche, sondern ein Hinweis darauf, wie wichtig Co-Regulation und sichere Bindung für das Nervensystem dieser Kinder sind.

Wenn die Schule nicht mitspielt: Was Eltern trotzdem tun können

Nicht jedes Kind hat das Glück, eine Lehrkraft zu haben, die diese Zusammenhänge versteht. Wenn du das Gefühl hast, an der Schule nicht die Unterstützung zu bekommen, die dein Kind bräuchte, empfiehlt Fabian Grolimund einen konkreten Perspektivwechsel.

Statt von der Diagnose zu sprechen „Unser Kind hat ADHS" hilft es oft mehr, von konkreten Alltagsproblemen zu berichten: „Uns fällt auf, dass unser Kind bei den Hausaufgaben sehr schnell wegdriftet. Erleben Sie das im Unterricht auch?" Das lädt zur Zusammenarbeit ein, statt Abwehr zu erzeugen.

Und wenn die Lehrkraft etwas ausprobiert, das hilft: Melde das zurück. Eine kurze Nachricht nach zwei Wochen „Das hat wirklich etwas verändert, danke" ist kein Aufwand, aber sie sorgt dafür, dass diese Bemühungen weitergehen. Lehrkräfte bekommen selten Rückmeldung darüber, was wirkt. Du kannst das ändern.

Fabian Grolimund erinnert auch daran, dass Unterstützung nicht immer von der Lehrkraft kommen muss. Vielleicht ist es die Schulsozialpädagogin, die Heilpädagogin, ein Großelternteil oder eine Selbsthilfegruppe für Eltern in ähnlichen Situationen. Der Blick auf Ressourcen öffnet oft mehr Türen als der Fokus auf das, was fehlt.

Zusammenfassung: Verbindung vor Leistung – auch beim Lernen

Was Fabian Grolimund in diesem Gespräch so klar macht, ist etwas, das du vielleicht schon gespürt hast, aber vielleicht noch nicht so in Worte fassen konntest: Kinder mit ADHS lernen nicht besser durch Druck, Strafen oder endlose Wiederholungen der immer gleichen Aufforderung. Sie lernen besser, wenn sie sich sicher fühlen. Wenn die Beziehung stimmt. Wenn sie erleben, dass jemand an sie glaubt. Und das auch dann, wenn es gerade eine schwierige Phase gibt, in der nicht so viel klappt.

Das bedeutet nicht, dass du als Elternteil alles richtig machen musst. Es bedeutet, dass du dir erlauben darfst, die Stimmung über das fertige Arbeitsblatt zu stellen. Dass eine Pause kein Versagen ist, sondern Regulation. Dass ein Lächeln, ein Nicken, ein kurzes „Ich habe gesehen, wie du dich bemüht hast" mehr bewegt als jede Konsequenz.

Dein Kind braucht dich nicht als perfekte Lernbegleitung. Es braucht dich als sichere Basis, besonders dann, wenn das Lernen schwer fällt.

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Häufige Fragen

Wie kann ich meinem Kind mit ADHS bei den Hausaufgaben helfen?

Kinder mit ADHS profitieren oft davon, wenn die Lernsituation an ihre Möglichkeiten angepasst wird. Kurze Arbeitsphasen, Bewegung vor dem Lernen, sichtbare Timer und regelmäßige Pausen können dabei helfen. Gleichzeitig ist die Beziehung wichtiger als ein vollständig ausgefülltes Arbeitsblatt. Wenn du merkst, dass die Stimmung kippt, kann eine Pause sinnvoller sein, als die Hausaufgaben unter Druck zu Ende zu bringen.

Warum sind Hausaufgaben für Kinder mit ADHS so schwierig?

Kinder mit ADHS haben nicht einfach zu wenig Aufmerksamkeit. Häufig fällt es ihnen schwer, ihre Aufmerksamkeit bewusst auf eine wenig interessante Aufgabe zu richten und dort zu halten. Gerade bei wiederholenden oder anstrengenden Aufgaben können Konzentration und Ausdauer deshalb schnell nachlassen. Das bedeutet nicht, dass dein Kind nicht lernen möchte oder sich absichtlich verweigert.

Was tun, wenn die Hausaufgaben mit meinem Kind jeden Tag eskalieren?

Wenn Hausaufgaben regelmäßig in Streit, Tränen oder Widerstand enden, lohnt es sich, nicht nur auf das Verhalten deines Kindes zu schauen. Prüfe auch den Zeitpunkt, die Dauer und die gesamte Lernsituation. Vielleicht braucht dein Kind vorher Bewegung, kürzere Einheiten oder mehr Pausen. Wenn die Stimmung bereits angespannt ist, kann es helfen, die Situation zu unterbrechen und erst weiterzumachen, wenn wieder mehr Ruhe möglich ist.

Sind Strafen bei Kindern mit ADHS sinnvoll?

Strafen lösen meist nicht das eigentliche Problem hinter einem Verhalten. Wenn ein Kind Schwierigkeiten hat, seine Aufmerksamkeit zu steuern, impulsiv handelt oder bei den Hausaufgaben schnell überfordert ist, verändert eine Strafe diese Fähigkeiten nicht. Sinnvoller ist es, konkrete Strategien zu üben, die Umgebung anzupassen und dem Kind zu helfen, Schritt für Schritt mehr Selbststeuerung zu entwickeln.

Wie lange sollten Kinder mit ADHS Hausaufgaben machen?

Eine pauschale Zeitangabe passt nicht zu jedem Kind. Entscheidend ist, wie lange dein Kind konzentriert und in einer einigermaßen guten emotionalen Verfassung arbeiten kann. Sehr lange Hausaufgabensituationen führen nicht automatisch zu mehr Lernen. Wenn dein Kind regelmäßig deutlich länger braucht als vorgesehen, kann es sinnvoll sein, gemeinsam mit der Lehrkraft eine realistische Hausaufgabenzeit zu vereinbaren.