
Andrea Zarfl erklärt, wie intuitive Ernährung in Familien gelingt, warum Druck schadet und wie Kinder Vertrauen in ihren Körper entwickeln.
Kennst du das? Du hast gekocht, das Essen steht auf dem Tisch und dein Kind rührt es nicht an. Oder es möchte am liebsten jeden Tag Nudeln ohne Soße. Vielleicht fragst du dich irgendwann: Mache ich etwas falsch? Bekommt mein Kind genug Nährstoffe? Und warum isst es bloß kein Gemüse?
Viele Eltern kennen diese Sorgen. Gleichzeitig kann gerade der Druck, der dadurch rund ums Essen entsteht, die Situation zusätzlich erschweren. Was hinter dem Essverhalten von Kindern steckt, warum intuitive Ernährung mehr bedeutet als „einfach essen lassen“ und wie Familien entspannter mit dem Thema Essen umgehen können, darüber habe ich mit Andrea Zarfl gesprochen.
Andrea Zarfl ist Diätologin, Sportwissenschaftlerin und Mitgründerin des IBE Instituts für intuitive und bedürfnisorientierte Ernährung. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Essverhalten, Körperbild, Diätkultur sowie einer gewichtsneutralen und bedürfnisorientierten Ernährungsbegleitung von Kindern und Erwachsenen.
Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Frage, wie Kinder Vertrauen in ihren Körper, ihre Hunger- und Sättigungssignale und ihre eigenen Bedürfnisse entwickeln können. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Ingrid Pfaffinger bietet sie Weiterbildungen zur intuitiven und bedürfnisorientierten Ernährung in Familien an.
Andrea Zarfl ist außerdem Autorin des Buches „Essen ohne Stress“, das Eltern dabei unterstützen soll, Familienernährung mit mehr Vertrauen und weniger Druck zu gestalten.
Andrea Zarfl kam auch durch ihre eigene Geschichte zu diesem Thema. In ihren frühen Zwanzigern erlebte sie selbst ein sehr kontrolliertes, belastetes Essverhalten und hatte ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Körper. Auf der Suche nach einem anderen Umgang mit Essen beschäftigte sie sich mit intuitiver Ernährung und nahm diesen Ansatz zunehmend auch in ihre Arbeit als Diätologin auf.
Als sie selbst Mutter wurde, rückte die Ernährung von Kindern und Familien stärker in ihren Fokus. Denn in ihrer Arbeit mit Erwachsenen begegnete ihr immer wieder die Frage, welchen Einfluss Erfahrungen aus der Kindheit auf das spätere Essverhalten haben. Für sie entstand daraus der Wunsch, früher anzusetzen.
Gemeinsam mit ihrer Kollegin Ingrid Pfaffinger entwickelte sie den Begriff der intuitiven Esskompetenz. Kinder bringen grundsätzlich die Fähigkeit mit, Hunger und Sättigung wahrzunehmen. Ob sie diese Signale langfristig gut erkennen und ihnen vertrauen können, wird jedoch auch durch ihre Erfahrungen und ihr Umfeld beeinflusst. Und damit spielen auch Eltern und andere Bezugspersonen eine wichtige Rolle.
Eine häufige Sorge von Eltern lautet: Wenn mein Kind selbst entscheiden darf, isst es dann nicht nur noch Süßigkeiten?
Andrea Zarfl erklärt, dass die Vorliebe von Kindern für süße Lebensmittel und leicht verfügbare Kohlenhydrate zunächst nichts Ungewöhnliches ist. Kinder wachsen und benötigen entsprechend Energie. Gleichzeitig haben viele süße oder stark verarbeitete Lebensmittel einen weiteren Vorteil aus kindlicher Sicht: Sie schmecken sehr verlässlich.
Eine bestimmte Sorte Keks schmeckt heute meist genauso wie gestern. Bei einer Tomate, einer Erdbeere oder einem Stück Gemüse können Geschmack, Konsistenz und Reife dagegen jedes Mal etwas anders sein. Gerade für Kinder, die auf Verlässlichkeit angewiesen sind, kann das eine Rolle spielen.
Auch gegenüber bitteren Geschmacksrichtungen sind Kinder häufig zurückhaltender. Eine Abneigung gegenüber bestimmten Gemüsesorten muss deshalb nicht bedeuten, dass ein Kind trotzig ist oder Eltern bei der Ernährung etwas falsch gemacht haben.
Trockene Nudeln ohne Soße über mehrere Wochen? Viele Eltern kennen solche Phasen.
Andrea Zarfl ordnet wählerisches Essverhalten, häufig auch als Picky Eating bezeichnet, zunächst als einen typischen Bestandteil der kindlichen Entwicklung ein. Nicht jedes Kind, das über einen Zeitraum nur wenige Lebensmittel akzeptiert oder Neues ablehnt, hat deshalb eine Essstörung oder ein grundsätzlich problematisches Essverhalten.
Problematisch kann dagegen der Druck werden, der schnell rund um das Essen entsteht. Wird ein Kind immer wieder zum Probieren aufgefordert oder sogar dazu gezwungen, kann das die Ablehnung eines Lebensmittels verstärken.
Natürlich gibt es Situationen, in denen eine fachliche oder medizinische Abklärung sinnvoll ist. Wenn Eltern sich Sorgen um die Entwicklung, das Wachstum oder die Nährstoffversorgung ihres Kindes machen oder das Essverhalten sehr stark eingeschränkt ist, sollte dies kinderärztlich oder ernährungstherapeutisch abgeklärt werden.
Im Gespräch nennt Andrea Zarfl einige Möglichkeiten, die helfen können, den Druck am Esstisch zu reduzieren.
Ein neues oder ungeliebtes Lebensmittel kann beispielsweise einfach mit auf dem Tisch stehen. Alle nehmen sich selbst davon, wenn sie möchten.
Das Kind darf entscheiden, ob es zugreift oder nicht. Ein „Probier doch wenigstens einmal“ ist dafür nicht notwendig.
So hat das Kind immer wieder Kontakt mit dem Lebensmittel, ohne dass daraus unmittelbar eine Erwartung entsteht.
Kinder orientieren sich stark an ihren Bezugspersonen. Wenn Eltern unterschiedliche Lebensmittel selbst selbstverständlich essen und genießen, erleben Kinder sie als normalen Bestandteil des Essens.
Bei jüngeren Kindern kann es außerdem helfen, Lebensmittel spielerisch zu beschreiben: Ein Brokkoli kann zum Beispiel wie ein kleiner Baum aussehen. Aussagen wie „Das ist gesund, deshalb musst du das essen“ sind dagegen sehr abstrakt und können gleichzeitig neuen Druck erzeugen.
Ein Lebensmittel kennenzulernen beginnt nicht erst mit dem Essen.
Ein Kind kann eine Karotte anfassen, daran riechen, beim Schneiden helfen oder sie beim Einkaufen aussuchen. Vielleicht wächst etwas im Garten oder im Balkonkasten.
Auch solche Erfahrungen können dazu beitragen, dass Lebensmittel vertrauter werden, ohne dass das Kind sie sofort essen muss.
Auch das fand ich im Gespräch spannend: Wenn ein Kind etwas Neues probiert und merkt, dass es ihm nicht schmeckt oder sich die Konsistenz unangenehm anfühlt, darf es das Essen wieder ausspucken.
Allein das Wissen darum kann den Druck beim Probieren reduzieren. Das Kind weiß: Ich darf selbst entscheiden, was in meinem Mund bleibt und was nicht.
Wenn ein Kind sagt: „Das mag ich nicht“, können Eltern antworten: „Du magst es im Moment nicht.“
Dabei geht es nicht darum, dem Kind einzureden, dass es das Lebensmittel irgendwann mögen wird. Die Formulierung lässt lediglich offen, dass Geschmack sich verändern kann.
Und wenn das nicht passiert, ist auch das in Ordnung.
Ich habe Andrea von einer Erfahrung aus meiner eigenen Familie erzählt.
Lange habe ich für meine Kinder gekocht und dabei unbewusst die Erwartung gehabt, dass sie das Essen dann auch essen. Schließlich hatte ich mir Mühe gegeben und wollte, dass sie gut versorgt sind. Wenn anschließend kaum etwas gegessen wurde, hat mich das manchmal persönlich getroffen.
Irgendwann hat sich meine Perspektive verändert: Ich koche auch für mich, weil ich gerne gut esse und mir das Kochen Freude macht. Wenn meine Kinder mitessen, freue ich mich. Wenn sie etwas davon nicht mögen oder nicht essen möchten, muss ich das nicht persönlich nehmen.
Andrea bestätigte, wie wichtig diese innere Haltung sein kann. Kinder merken sehr schnell, wenn mit einem angebotenen Essen eine unausgesprochene Erwartung verbunden ist.
Nicht jeder angespannte Esstisch lässt sich dadurch sofort entspannen. Aber es kann einen großen Unterschied machen, wenn Eltern ihre eigene Erwartung wahrnehmen und sich fragen: Was genau macht es gerade mit mir, wenn mein Kind nicht isst?
Ein weiterer wichtiger Teil unseres Gesprächs war der Umgang mit Körpergewicht und die Frage, wie gesellschaftliche Vorstellungen darüber bis in Familien hineinwirken.
Schlankheit wird gesellschaftlich häufig mit positiven Eigenschaften verbunden. Menschen in größeren Körpern erleben dagegen Vorurteile und Abwertungen. Solche Bilder begegnen Kindern früh, zum Beispiel in Geschichten, Filmen, Medien und Alltagsgesprächen.
Auch die Darstellung von Figuren kann dabei eine Rolle spielen. Wenn bestimmte Körperformen immer wieder mit bestimmten Charaktereigenschaften verbunden werden, prägt das Vorstellungen darüber, welche Körper als „gut“ oder „richtig“ gelten.
Andrea Zarfl erlebt in ihrer Arbeit, dass Eltern mehrgewichtiger Kinder häufig unter starkem Druck stehen. Dazu können Schuldgefühle, Scham und die Sorge kommen, bei der Ernährung etwas falsch gemacht zu haben.
Sie plädiert dafür, nicht vorschnell ausschließlich auf das Gewicht zu schauen und Kinder nicht aufgrund einer Zahl beim Essen einzuschränken.
Stattdessen lohnt es sich, das Essverhalten und die gesamte Situation genauer anzuschauen: Wie isst das Kind tatsächlich? Wie geht es ihm mit Essen? Gibt es Druck, Verbote oder starke Regeln? Spielen Gefühle, Langeweile oder andere Faktoren eine Rolle?
Wenn Eltern unsicher sind, kann eine fachkundige, möglichst gewichtsneutrale Ernährungsberatung helfen, diese Fragen einzuordnen.
Im Gespräch ging es auch darum, dass Sorgen rund um Gewicht nicht nur mehrgewichtige Kinder betreffen.
Ein negatives Körperbild, Kommentare über Gewicht oder wiederholte Bewertungen des eigenen Körpers können das Verhältnis zum Essen beeinflussen. Gerade deshalb ist es sinnvoll, nicht nur das Essverhalten eines Kindes zu betrachten, sondern auch darauf zu achten, welche Botschaften über Körper innerhalb einer Familie vermittelt werden.
Ein konkreter Impuls von Andrea war deshalb, einmal darauf zu achten, wie häufig Körper in unserem Alltag bewertet werden.
Muss auf einer Familienfeier erwähnt werden, dass jemand abgenommen oder zugenommen hat? Was denken wir, wenn wir einen Menschen mit einem bestimmten Körper und einem bestimmten Einkauf an der Supermarktkasse sehen?
Es geht dabei nicht darum, sich für solche Gedanken zu verurteilen. Interessanter ist die Frage, woher sie kommen und ob wir sie weitergeben möchten.
Wenn andere Menschen den Körper eines Kindes oder einer anderen Person kommentieren, können Eltern das auch einordnen:
„Manche Menschen sprechen so über Körper. Aber wir müssen Körper gar nicht bewerten. Menschen sind viel mehr als ihr Aussehen.“
Andrea Zarfl spricht sich für einen möglichst neutralen Umgang mit Lebensmitteln aus.
Das bedeutet nicht, dass alle Lebensmittel dieselben Nährstoffe enthalten oder Ernährung für die Gesundheit keine Rolle spielt. Es bedeutet vielmehr, Essen nicht moralisch in „gut“ und „schlecht“ einzuteilen.
An manchen Tagen gibt es bei ihr zu Hause frisch gekochte Suppe mit Zutaten vom Bauernmarkt. An anderen Tagen Nuggets und Pommes aus dem Tiefkühler, weil an diesem Tag Zeit oder Kraft für etwas anderes fehlen.
Nicht jede Mahlzeit muss ernährungsphysiologisch perfekt sein. Und aus dem, was an einem einzelnen Abend auf dem Tisch steht, lässt sich nicht ableiten, wie „gut“ Eltern ihre Familie ernähren.
Diese Haltung kann Eltern entlasten und gleichzeitig verhindern, dass bestimmte Lebensmittel für Kinder mit Schuld oder Verboten aufgeladen werden.
Wenn du dich weiter mit dem Thema beschäftigen möchtest, findest du bei Andrea Zarfl verschiedene Angebote.
Ihr Buch „Essen ohne Stress“, das sie gemeinsam mit Ingrid Pfaffinger geschrieben hat, erscheint im November 2026. Es richtet sich an Eltern, die Familienernährung mit weniger Druck und mehr Vertrauen gestalten möchten. Darin geht es unter anderem um wählerisches Essverhalten, Mehrgewicht und Neurodivergenz.
Das Buch kann bereits vorbestellt werden.
Am IBE Institut bieten Andrea Zarfl und Ingrid Pfaffinger Seminare und Weiterbildungen rund um intuitive und bedürfnisorientierte Ernährung an – sowohl für Fachkräfte als auch für interessierte Eltern.
Weitere Informationen gibt es unter ibe-institut.com/seminare.
Wer eine persönliche Begleitung sucht, kann über ibe-institut.com eine Anfrage für eine Einzelberatung stellen.
Auf Instagram findest du Andrea unter @andrea.zarfl sowie das Institut unter @ibe_institut.
Für mich gibt es eine deutliche Verbindung zwischen diesem Gespräch und meiner Arbeit mit Eltern: Auch beim Essen lohnt es sich, nicht nur auf das sichtbare Verhalten des Kindes zu schauen.
Ein Kind, das etwas nicht probieren möchte, braucht nicht automatisch mehr Überzeugung oder eine strengere Regel. Manchmal braucht es vor allem Zeit, Verlässlichkeit und die Sicherheit, selbst wahrnehmen und entscheiden zu dürfen.
Intuitive Ernährung bedeutet deshalb nicht, dass Eltern sich aus der Verantwortung ziehen oder Kinder vollkommen sich selbst überlassen. Eltern gestalten weiterhin den Rahmen: Sie entscheiden zum Beispiel, welche Lebensmittel angeboten werden und wann gemeinsam gegessen wird. Innerhalb dieses Rahmens darf das Kind seinen eigenen Körper wahrnehmen.
Und auch für Eltern darf Essen wieder etwas weniger mit der Frage zu tun haben, ob sie gerade alles richtig machen.
Denn vielleicht ist nicht die perfekte Familienmahlzeit das Ziel, sondern ein Esstisch, an dem niemand Angst haben muss, etwas falsch zu machen.
Wenn du jemanden kennst, für den dieses Thema gerade relevant ist, teile den Artikel gerne.
Und wenn Essen nur eines von vielen Themen ist, bei denen ihr euch als Familie immer wieder in Druck, Diskussionen oder Machtkämpfen wiederfindet, begleite ich Eltern dabei, solche Dynamiken besser zu verstehen und neue Wege im Familienalltag zu entwickeln.
Wenn du dir dabei Unterstützung wünschst, kannst du gerne ein unverbindliches Kennenlerngespräch mit mir vereinbaren.
Nicht unbedingt. Auch gut gemeinte Aufforderungen wie „Probier doch wenigstens einmal“ können Druck erzeugen. Kinder dürfen neue Lebensmittel zunächst anschauen, anfassen, riechen oder beim Zubereiten kennenlernen. Probieren kann daraus entstehen, muss aber nicht erzwungen werden.
Intuitive Ernährung bedeutet nicht, dass Kinder völlig frei und ohne Rahmen essen. Eltern entscheiden weiterhin, welche Lebensmittel angeboten werden und wann gegessen wird. Das Kind darf innerhalb dieses Rahmens möglichst selbst wahrnehmen, ob es Hunger hat, wie viel es essen möchte und wann es satt ist.
Vorlieben für süße Lebensmittel und einfache Kohlenhydrate sind bei Kindern zunächst nichts Ungewöhnliches. Statt bestimmte Lebensmittel stark zu verbieten oder aufzuwerten, kann es hilfreich sein, regelmäßig unterschiedliche Lebensmittel anzubieten und möglichst neutral über Essen zu sprechen. So verlieren einzelne Lebensmittel eher ihren besonderen Reiz.
Ein erster Schritt kann sein, die eigenen Erwartungen zu beobachten. Muss mein Kind heute wirklich etwas Bestimmtes essen? Was löst es in mir aus, wenn es mein Essen ablehnt? Je weniger Essen mit Druck, Bewertung oder Sorge verbunden ist, desto leichter kann auch für Kinder ein entspannterer Umgang damit entstehen.