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Bedingungslose Liebe beginnt bei dir selbst – Leonie Ries über das größte Missverständnis in der modernen Erziehung

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Elterncoach Leonie Ries erklärt, warum bedingungslose Liebe bei dir selbst beginnt – und was das mit Co-Regulation & Nervensystem zu tun hat.

Gerne. Hier ist ein stimmiger, sprachlich überarbeiteter Blogartikel, der die Inhalte beibehält, nichts ergänzt und deutlich besser zu Deinem eigenen Blog passt:

Bedingungslose Liebe beginnt bei Dir selbst

Viele Eltern tragen einen tiefen Wunsch in sich. Sie möchten es mit ihren Kindern anders machen. Zugewandter. Bewusster. Liebevoller. Sie wollen nicht drohen, nicht schreien, nicht mit Strafen oder Belohnungen arbeiten. Und gleichzeitig taucht genau dort oft die große Frage auf: Wie geht es stattdessen?

In einem Interview im Podcast Game of Life von Daniel Lüdtke spricht Leonie Ries über genau diese Frage. Es ist ein ehrliches Gespräch über bedingungslose Liebe, Selbstmitgefühl, Co Regulation und darüber, warum echte Veränderung nicht mitten im Konflikt entsteht, sondern in den vielen kleinen Momenten dazwischen.

Dieser Artikel greift die zentralen Gedanken aus dem Gespräch auf und ordnet sie für den Familienalltag ein.

Bedingungslose Liebe ist nichts, was wir nur unseren Kindern geben

Ein zentrales Missverständnis in der modernen Erziehung liegt oft genau hier: Viele Eltern wünschen sich, ihren Kindern bedingungslose Liebe zu schenken, haben sie selbst aber nie auf diese Weise erfahren.

Wer als Kind gelernt hat, nur dann angenommen zu sein, wenn er still ist, funktioniert oder sich richtig verhält, trägt diese Erfahrung meist weiter in sich. Dann ist auch die eigene Selbstannahme an Bedingungen geknüpft. Man fühlt sich nur dann liebenswert, wenn alles gelingt, wenn man geduldig bleibt, wenn man den Alltag gut bewältigt.

Leonie Ries macht in dem Interview deutlich, dass genau hier der eigentliche Anfang liegt. Was wir unseren Kindern geben möchten, müssen wir zuerst in uns selbst wiederfinden. Bedingungslose Liebe beginnt nicht bei der perfekten Reaktion auf einen Wutanfall. Sie beginnt dort, wo wir anfangen, uns selbst mit mehr Mitgefühl zu begegnen.

Selbstverurteilung blockiert Veränderung

Viele Eltern kennen diesen inneren Schmerz nach einer Situation, in der sie anders reagiert haben, als sie es eigentlich wollten. Man war ungeduldig, wurde laut oder hat etwas gesagt, das sich im Nachhinein nicht stimmig anfühlt. Und direkt danach meldet sich oft die innere Verurteilung.

Genau dieser Mechanismus verhindert jedoch Entwicklung. Solange ein Mensch gegen sich selbst kämpft, bleibt er im inneren Stress. Lernen, Reflexion und Veränderung werden dadurch nicht leichter, sondern schwerer.

Der entscheidende Schritt ist deshalb nicht, das eigene Verhalten zu beschönigen. Es geht vielmehr darum anzuerkennen, dass man in diesem Moment nicht anders konnte als mit dem, was gerade innerlich verfügbar war. Erst aus dieser Haltung heraus wird echte Veränderung möglich. Nicht durch Härte gegen sich selbst, sondern durch ehrliches Hinsehen.

Kinder lernen nicht aus unseren Worten, sondern aus unserem Zustand

Ein weiterer zentraler Gedanke im Gespräch betrifft die Co Regulation. Eltern wünschen sich oft, dass ihr Kind lernt, mit starken Gefühlen umzugehen. Gleichzeitig zeigt sich im Alltag immer wieder, dass Kinder nicht in erster Linie auf Erklärungen reagieren, sondern auf das, was sie bei uns erleben.

Ein Kind spürt sehr genau, ob ein Elternteil selbst reguliert ist oder innerlich schon an seiner Grenze steht. Es nimmt wahr, ob jemand in Anspannung spricht, laut wird oder sich zurückzieht. Das Nervensystem der Eltern wirkt stärker als jede pädagogische Erklärung.

Das bedeutet nicht, dass Eltern immer ruhig bleiben müssen. Es bedeutet aber, dass Selbstregulation kein Nebenschauplatz ist. Sie ist die Grundlage jeder Begleitung. Kinder orientieren sich an dem, was wir verkörpern.

Wutanfälle sind keine Provokation

Ein Gedanke, der viele Eltern entlasten kann, ist dieser: Kleine Kinder provozieren nicht absichtlich. Zumindest nicht in dem Sinn, wie Erwachsene es häufig interpretieren.

Wenn ein Kind weiter auf dem Sofa hüpft, obwohl längst Stopp gesagt wurde, wenn es lacht, während die Situation kippt, oder wenn es sich scheinbar widersetzt, dann wird dieses Verhalten schnell als Trotz oder Provokation verstanden. Doch oft steckt etwas ganz anderes dahinter. Ein hoher innerer Spannungszustand. Ein starker Bewegungsdrang. Unsicherheit. Oder das Bedürfnis nach Verbindung.

Was von außen wie Widerstand aussieht, ist im Inneren häufig Ausdruck von Überforderung. Genau deshalb lohnt es sich, das Verhalten nicht vorschnell zu bewerten. Die eigentliche Veränderung geschieht nicht in der akuten Wutsituation. Sie entsteht in all den anderen Momenten des Tages, in denen Beziehung, Sicherheit und Verbindung wachsen.

Verbindung ist wirksamer als Gehorsam

Viele Eltern suchen nach der richtigen Reaktion für schwierige Situationen. Doch oft ist die entscheidendere Frage eine andere: Wie erlebt mein Kind unsere Beziehung außerhalb dieser Momente?

Ein Kind, das sich sicher fühlt, das spürt, dass seine Gefühle willkommen sind und dass es mit seinen inneren Zuständen nicht allein ist, muss deutlich seltener über auffälliges Verhalten um Verbindung kämpfen. Beziehung ist kein Zusatz zur Erziehung. Beziehung ist der Boden, auf dem alles andere überhaupt erst möglich wird.

Das zeigt sich auch in ganz alltäglichen Situationen. Manche Kinder erzählen tagsüber kaum etwas und öffnen sich erst abends im Bett. Nicht, weil sie schwierig sind, sondern weil sie auf einen Moment warten, der sich wirklich sicher anfühlt. Wenn dieser Raum entsteht, kommt oft von selbst das, was Eltern tagsüber vergeblich zu erfragen versucht haben.

Hinter vielen Konflikten liegt eine innere Unklarheit

Ein klassisches Beispiel ist die Situation an der Supermarktkasse. Das Kind möchte etwas Süßes, die Eltern sagen nein, das Kind reagiert laut, enttäuscht oder wütend. Oberflächlich betrachtet geht es um einen Schokoriegel. In Wahrheit ist das oft nur die sichtbare Ebene.

Darunter liegen nicht selten ganz andere Themen. Die Angst vor den Blicken anderer. Die Unsicherheit, ob das eigene Nein wirklich trägt. Alte Sätze aus der eigenen Kindheit. Innere Stimmen, die Härte fordern, obwohl sie sich nicht stimmig anfühlt.

Äußere Konflikte sind deshalb oft ein Spiegel innerer Prozesse. Je klarer Eltern innerlich werden, desto klarer und ruhiger können sie auch im Außen handeln.

Regeln und Grenzen sind nicht dasselbe

Im Interview wird auch deutlich, wie wichtig die Unterscheidung zwischen Regeln und Grenzen ist. Regeln können in vielen Bereichen gemeinsam mit Kindern entwickelt werden. Auch jüngere Kinder können dabei bereits einbezogen werden. Grenzen hingegen liegen in der Verantwortung der Erwachsenen, vor allem dort, wo Kinder Risiken oder Zusammenhänge noch nicht selbst einschätzen können.

Wenn eine Regel nicht eingehalten wird, hilft nicht zuerst die Frage nach einer Konsequenz. Hilfreicher ist die Frage, was dem Kind in diesem Moment gefehlt hat. Welche Fähigkeit, welche Unterstützung, welche Regulation war gerade nicht verfügbar?

Diese Sicht verändert den Blick grundlegend. Ein Kind, das statt zu hauen ein Schimpfwort benutzt, hat nicht versagt. Es zeigt bereits einen Entwicklungsschritt. Auch das darf gesehen werden.

Rituale leben nicht von der Form, sondern von echter Begegnung

Viele Eltern hören den Rat, mindestens einmal am Tag gemeinsam am Tisch zu sitzen. Doch nicht die äußere Form ist entscheidend, sondern das, was in diesem Moment entsteht.

Wenn es darum geht, dass jeder gesehen und gehört wird, kann das beim Abendessen passieren. Es kann aber genauso gut beim Zubettbringen geschehen oder in einem ruhigen Moment am Abend. Entscheidend ist, dass Beziehung spürbar wird.

Dabei ist es wesentlich, dass nicht nur das Kind erzählt. Beziehung ist keine Einbahnstraße. Wenn Eltern selbst teilen, was sie bewegt hat, was sie gefreut oder geärgert hat, entsteht Nähe. Kinder öffnen sich oft genau dann, wenn auch das Gegenüber wirklich anwesend ist und nicht nur Fragen stellt.

Adultismus beginnt oft im Alltag

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Gesprächs ist der Blick auf Adultismus, also die Abwertung von Kindern aufgrund ihres Alters.

Viele Sätze, die im Familienalltag ganz selbstverständlich wirken, würden wir gegenüber Erwachsenen niemals benutzen. Genau darin liegt die Schieflage. Was Kindern gegenüber normalisiert ist, wäre in anderen Beziehungen unangemessen oder respektlos.

Dieser Perspektivwechsel kann sehr kraftvoll sein. Er lädt dazu ein, innezuhalten und sich zu fragen, ob die eigene Sprache wirklich von Achtung getragen ist. Nicht aus Perfektionsanspruch, sondern aus Bewusstheit.

Emotionsregulation ist keine Aufgabe der Mütter allein

Auch die Rolle der Väter wird im Interview klar benannt. In vielen Familien sind es noch immer vor allem Mütter, die sich mit emotionaler Entwicklung, Beziehungsgestaltung und bewusster Elternschaft beschäftigen. Gleichzeitig erleben Kinder natürlich beide Elternteile als Vorbilder.

Wenn ein Elternteil mit Frustration laut wird, sich zurückzieht oder keinen Zugang zu den eigenen Gefühlen hat, dann prägt auch das den Alltag. Kinder lernen durch Beobachtung. Sie übernehmen nicht nur Worte, sondern Muster.

Darin liegt keine Schuldzuweisung. Es ist vielmehr eine Einladung, Verantwortung zu übernehmen. Beziehung ist gestaltbar. Auch für Väter. Vielleicht gerade dort, wo lange wenig Raum für Gefühle war.

Es geht nicht um Perfektion, sondern um Präsenz

Was in diesem Gespräch immer wieder spürbar wird, ist eine große Entlastung. Familienleben muss nicht konfliktfrei sein, um gesund zu sein. Tränen, Wut, Reibung und Missverständnisse gehören dazu. Entscheidend ist nicht, dass alles harmonisch verläuft. Entscheidend ist, ob Beziehung auch dann bestehen bleibt.

Wenn ein Kind erlebt, dass seine Gefühle nicht gegen es verwendet werden, dass es nicht abgewertet wird und dass Verbindung auch durch schwierige Momente hindurch trägt, dann wächst daraus Resilienz. Nicht durch Belehrung, sondern durch Erfahrung.

Und genau das gilt auch für Eltern. Auch sie dürfen Mensch sein. Auch sie dürfen Fehler machen. Auch sie dürfen lernen, sich selbst liebevoller zu begegnen.

Bedingungslose Liebe beginnt bei Dir selbst. Nicht als Ideal. Nicht als weiterer Anspruch. Sondern als Anfang für alles, was Du Deinem Kind mitgeben möchtest.

Alles Liebe,
Leonie

Auch als Video verfügbar

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