
Beschämung in der Kindheit: Wie Scham entsteht, was sie mit dem Selbstwert von Kindern macht und wie wir den Kreislauf unterbrechen können – mit Mitgefühl und Bewusstsein.
„Oh Mann, du Tollpatsch, kannst du nicht aufpassen?“
Solche Sätze klingen harmlos – doch sie können Spuren hinterlassen, die weit über den Moment hinausreichen. Denn sie treffen Kinder nicht nur im Verhalten, sondern im Kern ihres Selbstwerts.
Mein drittes Kind ist ja letztes Jahr in die Schule gekommen. Und weil es bereits mein drittes Schulkind ist, dachte ich natürlich: Ich kenn das. Ich weiß, wie das läuft.
Wir kamen spät aus dem Urlaub zurück, aber ich war entspannt – bei den größeren Kindern war die Einschulung immer erst am Ende der ersten Schulwoche. Wir hatten also damals locker Zeit, die Materialien zu besorgen.
Ich spazierte also ganz gelassen zum Elternabend, setzte mich auf meinen Platz… und wäre am liebsten im Erdboden versunken.
Alle anderen Eltern hatten ordentlich sortierte Stapel mit Materialien vor sich. Nur ich saß da – mit nichts. Warum?
Weil ich den Elternbrief nicht richtig gelesen hatte. Dort stand nämlich, dass diesmal alle Materialien bereits zum ersten Elternabend mitgebracht werden sollten, damit die Lehrerin sie kontrollieren kann.
In diesem Moment fühlte ich mich nicht wie die Erwachsene, die ich bin.
Ich fühlte mich wie das kleine Schulmädchen, das die Hausaufgaben vergessen hat und am liebsten unter dem Tisch verschwinden würde.
Das war Scham.
Und genau diese Erfahrung zeigt, wie tief sich frühe Beschämungen in uns einprägen – und wie schnell sie im Erwachsenenleben wieder aufbrechen.
Zum Glück nahm die Lehrerin es locker, und ich war auch nicht die einzige, die mit leeren Händen gekommen war. Aber das Gefühl war da. Und es erinnerte mich an all die Momente als Kind, in denen ich glaubte: Ich bin falsch.
Scham ist eine soziale Emotion. Sie entsteht, wenn ein Kind das Gefühl bekommt, nicht in Ordnung zu sein, so wie es ist.
Während Schuld bedeutet: Ich habe etwas Falsches getan, bedeutet Scham:
Ich bin falsch.
Ein beschämtes Kind lernt also nicht, was es besser machen könnte – es lernt, dass es selbst das Problem ist.
Und genau das prägt das Selbstbild ein Leben lang.
Solche Botschaften führen dazu, dass Kinder sich nicht nur schuldig, sondern innerlich minderwertig fühlen.
Ein Kind, das sich schämt,
– wird still,
– senkt den Blick,
– zieht sich zurück
oder
– reagiert überangepasst.
Manche Kinder erröten oder vermeiden Situationen, in denen sie auffallen könnten.
Ihr Körper zeigt, was ihre Seele erlebt: den Wunsch, zu verschwinden.
Im Gehirn wird dabei das Stresssystem aktiviert – Lernen, Verstehen und emotionale Entwicklung sind in diesem Zustand blockiert.
Kinder sind abhängig von ihrer Bindungsperson. Wenn genau diese Person sie beschämt, entsteht ein innerer Konflikt:
Ich brauche dich – aber ich fühle mich schlecht durch dich.
Um die Beziehung zu sichern, entwickelt das Kind oft Strategien: angepasst sein, vermeiden, überperformen.
Das führt zu inneren Glaubenssätzen wie:
Diese Muster tragen viele Erwachsene noch heute in sich – genau wie ich es an diesem Elternabend wieder gespürt habe.
Reagiere auf Verhalten, nicht auf die Person.
Statt: „Du bist tollpatschig.“ → „Das Glas ist umgefallen, wir wischen’s gemeinsam auf.“
Sprich über Gefühle.
Wenn dein Kind rot wird oder sich zurückzieht, sag: „Du schämst dich gerade, das ist okay. Jeder macht mal Fehler.“
Vermittle Mitgefühl statt Spott.
Mitgefühl heilt Scham, weil es Zugehörigkeit wiederherstellt.
Erkenne deine eigenen alten Muster.
Wenn dich das Verhalten deines Kindes triggert, frage dich:
Wen erinnert mich das an – mein Kind oder mein eigenes früheres Ich?
Scham verliert ihre Macht, wenn sie sichtbar wird.
Ein Kind, das spürt „Ich werde verstanden“, kann seine Scham loslassen.
Und ein Erwachsener, der erkennt, woher sein eigenes Schamgefühl stammt, kann den Kreislauf unterbrechen – und seinem Kind das geben, was er selbst gebraucht hätte: bedingungslose Annahme.
Ab wann empfinden Kinder Scham?
Etwa ab dem 18.–24. Lebensmonat, wenn sie beginnen, sich selbst im Spiegel zu erkennen und bewusst wahrzunehmen, wie andere auf sie reagieren.
Ist Scham immer negativ?
Nein. In gesunder Form hilft Scham, Grenzen zu spüren und Mitgefühl zu entwickeln. Schädlich wird sie nur, wenn sie mit Abwertung oder Isolation verbunden ist.
Was tun, wenn ich mein Kind beschämt habe?
Ehrlichkeit entlastet:
„Das war nicht fair von mir. Es tut mir leid.“
Das stärkt Vertrauen – und zeigt, dass auch Erwachsene wachsen.
Beschämung in der Kindheit prägt unser Selbstbild – oft über Jahrzehnte.
Doch Bewusstsein ist der erste Schritt zur Heilung.
Wenn wir Scham mit Mitgefühl begegnen – bei uns selbst und bei unseren Kindern – entsteht ein Raum, in dem Fehler keine Gefahr mehr sind, sondern Teil des Wachsens.