
Berührung reguliert, stärkt die Bindung und gibt emotionale Sicherheit. Warum liebevolle Nähe für Kinder und Erwachsene ein grundlegendes menschliches Bedürfnis ist.
Heute möchte ich mit dir über Berührung sprechen und erklären, warum Berührung für uns Menschen und natürlich auch für unsere Kinder so unglaublich wichtig ist, wie sie unsere Bindung fördert und beeinflusst. Denn ohne Berührung gäbe es keine Bindung.Unser Tastsinn, also der Sinn, mit dem wir Berührung wahrnehmen, ist der erste Sinn, der sich während der Schwangerschaft entwickelt – noch bevor sich Seh-, Geruchs-, Geschmacks- und Hörsinn entwickeln. Davor gibt es bereits den Tastsinn oder den Berührungssinn.
Babys haben im Fruchtwasser – vielleicht kannst du dich erinnern – oft einen ganz, ganz leichten Flaum, die sogenannte Lanugobehaarung oder die sogenannten Lanugohaare. Diese haben die Kinder, wenn sie im Fruchtwasser, also im Mutterleib sind. Über diese Härchen spüren sie das Fruchtwasser und nehmen dort Berührung wahr.
Im Mutterleib hat das Kind also das dauerhafte Gefühl des Berührtseins durch den Wasserdruck und durch die Bewegung des Wassers, wodurch sich diese Härchen bewegen. So erfährt das Kind kontinuierlich Berührung. Und wie ich schon gesagt habe: Es ist der erste Sinn, der sich entwickelt – der Berührungssinn. Und es ist der einzige Sinn, ohne den wir nicht überlebensfähig sind. Wenn wir unser Augenlicht verlieren, gibt es Möglichkeiten, uns trotzdem zu orientieren. Wenn wir unser Gehör verlieren, haben wir ebenfalls Möglichkeiten, weiterzuleben. Auch unseren Geschmacksinn können wir verlieren. Auch wenn das alles andere als schön ist. Aber der Berührungssinn ist der einzige Sinn, ohne den wir nicht überlebensfähig sind.Unsere Haut ist unser größtes Sinnesorgan. Wir nehmen über die Haut sehr viel wahr. Im Endeffekt ist es so, dass wir über Berührung uns selbst wahrnehmen und spüren können – und gleichzeitig unsere Mitmenschen.Unter der Haut haben wir 600 bis 900 Millionen Rezeptoren. Besonders an den Fingerspitzen ist die Sensibilität sehr hoch. Das kannst du einfach ausprobieren: Fühl einmal bewusst mit deinen Fingerspitzen.Berührungsreize können vom Gehirn nicht ausgeblendet werden. Geräusche, Gerüche oder visuelle Reize können wir ausblenden – Berührung nicht. Jede Berührung wird unmittelbar bewertet: Ist sie angenehm oder unangenehm?
Wir haben zwei unterschiedliche Berührungssysteme: die A-Fasern und die C-taktilen Fasern. Die A-Fasern sind unser bewusster Tastsinn. Damit nehmen wir Druck, Vibration, Oberflächen, Wärme oder Kälte wahr. Die C-taktilen Fasern hingegen nehmen das Berührtwerden wahr – insbesondere langsame, soziale Berührungen.Es gibt ein spannendes Phänomen: Besonders angenehm empfinden wir eine Streichelgeschwindigkeit von 1 bis 10 Zentimetern pro Sekunde. Und intuitiv nutzen Menschen weltweit genau diese Geschwindigkeit.Direkt nach der Geburt ist – sofern medizinisch möglich – der Haut-zu-Haut-Kontakt besonders wichtig. Durch die Geburt erlebt das Kind enorme Veränderungen. Vorher schwamm es im Fruchtwasser scheinbar schwerelos – jetzt ist Luft auf der Haut, es spürt Kälte, Schwerkraft und veränderten Druck.Hautkontakt stabilisiert Atmung, Körpertemperatur und Blutzucker. Zudem wird Oxytocin ausgeschüttet – das sogenannte Bindungs- oder Wohlfühlhormon. Es bildet die Grundlage für eine sichere Bindung.Auch im Tierreich sehen wir, wie wichtig Berührung ist. Rattenmütter lecken ihre Jungen nach der Geburt. Rattenbabys, die nicht geleckt wurden, konnten im Erwachsenenalter schlechter mit Stress umgehen.Berührung hilft uns, uns selbst zu spüren. Sie unterstützt die Entwicklung eines Körperbildes. Gerade in Wachstumsphasen, etwa in der Pubertät, kann es durch körperliche Veränderungen zu Ungeschicklichkeiten kommen, weil das innere Körperbild sich erst anpassen muss.
Es gibt zwei Systeme der Berührung: das aktive Berühren und das passive Berührtwerden. Es macht einen Unterschied, ob wir uns selbst streicheln oder von jemand anderem gestreichelt werden.Unser Gehirn bewertet jede Berührung im Kontext: Wer berührt mich? Ist mir diese Person nah? Fühle ich mich sicher?Empathie entsteht durch Erfahrung. Wenn wir mit unseren Kindern mitfühlen, lernen sie, Mitgefühl zu entwickeln.Unsere Gesellschaft ist heute sehr berührungsarm. Trotz digitaler Vernetzung erleben viele Menschen Einsamkeit. Haustiere, insbesondere Hunde und Katzen, können durch Berührung regulierend wirken. Auch Gewichtsdecken können Sicherheit vermitteln.Bindung braucht Berührung. Berührung wirkt regulierend und strukturierend. Die Qualität ist dabei wichtiger als die Quantität – und der Kontext entscheidet über die Wirkung.Immer entscheidet der Berührte, ob eine Berührung angenehm ist oder nicht. Das ist ein wichtiger Aspekt von Grenzen und Selbstbestimmung. Bindung braucht Berührung, und Menschen brauchen Berührung. Sie wirkt regulierend, strukturierend und schafft emotionale Sicherheit. Jeder, ob Kind oder Erwachsener, profitiert davon.
.Schreib mir auch gerne, wenn du Fragen hast oder mehr Informationen wünschst. Du erreichst mich über meine Homepage oder über meinen Instagramkanal.
Hab einen wunderschönen Tag,
Alles Liebe Deine Leonie,