
Tabea Cwienzek erklärt die TURTLE-Studie der TU Dresden: Was Familien im ersten Jahr wirklich belastet – und wie Forschung Familien stärkt.
Die Schwangerschaft, die Geburt und das erste Jahr mit einem Baby verändern das Leben einer Familie oft grundlegend. Neben all den schönen Momenten bringt diese Zeit auch viele Herausforderungen mit sich. Schlafmangel, die Veränderungen in der Partnerschaft, neue Verantwortlichkeiten und die Frage, wie sich Familie, Beruf und die eigenen Bedürfnisse miteinander vereinbaren lassen. Viele Eltern erleben dabei nicht nur Freude und Verbundenheit, sondern auch Stress, Unsicherheit und Überforderung. Doch was genau belastet Familien in dieser Lebensphase? Was hilft ihnen, mit den Herausforderungen umzugehen, und welche Unterstützung würden sie sich wünschen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die europäische TURTLE-Studie. Für meinen Podcast „Klare Eltern – Starke Kinder“ habe ich mit der Psychologin und Wissenschaftlerin Tabea Cwienzek von der Technischen Universität Dresden gesprochen. Sie hat mir erklärt, was hinter der Studie steckt, warum die Erfahrungen von Familien für die Forschung so wichtig sind und wie Eltern durch ihre Teilnahme dazu beitragen können, dass ihre Bedürfnisse in Zukunft stärker berücksichtigt werden.
Tabea Cwienzek ist Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie der Technischen Universität Dresden. Im Rahmen ihrer Promotion beschäftigt sie sich mit der Frage, wie Paare den Übergang zur Elternschaft gemeinsam erleben und gestalten. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Forschung rund um die psychische Gesundheit von Familien. Dabei geht es unter anderem darum, besser zu verstehen, welche Belastungen Eltern erleben und welche Faktoren ihnen helfen, mit diesen umzugehen. Im Gespräch wurde deutlich, wie wichtig es Tabea ist, nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse zu sammeln, sondern auch die tatsächlichen Erfahrungen und Bedürfnisse von Familien sichtbar zu machen.
TURTLE steht für „Treasure Data Collection Within Families“ und ist Teil des europäischen Forschungsnetzwerks TREASURE, das sich mit Stress rund um Schwangerschaft und Geburt sowie möglichen Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung beschäftigt. An der TURTLE-Studie beteiligen sich Forschungsteams aus insgesamt zehn europäischen Ländern. In Deutschland wird die Untersuchung von der Technischen Universität Dresden durchgeführt. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche sozialen, kulturellen und psychologischen Faktoren Familien dabei helfen, die Zeit von der Schwangerschaft bis zum ersten Geburtstag ihres Kindes gut zu bewältigen. Die Forschenden möchten herausfinden, welche Situationen als besonders belastend erlebt werden, welche Unterstützung Familien bereits erhalten und wo möglicherweise noch etwas fehlt. Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um die Perspektive von Müttern. Auch Väter, Partnerinnen und Partner, Großeltern und andere enge Bezugspersonen sind eingeladen, von ihren Erfahrungen zu berichten. Das finde ich besonders wichtig, denn die Herausforderungen rund um die Geburt eines Kindes betreffen meist nicht nur eine einzelne Person. Sie wirken sich auf das gesamte Familiensystem aus, und gleichzeitig können die unterschiedlichen Familienmitglieder ganz verschiedene Erfahrungen machen.
In meiner Arbeit mit Eltern erlebe ich immer wieder, wie sehr die äußeren Lebensbedingungen den Familienalltag beeinflussen. Viele Eltern wissen durchaus, wie sie ihre Kinder begleiten möchten, und trotzdem gelingt ihnen das im Alltag nicht immer so, wie sie es sich wünschen. Denn es macht einen Unterschied, ob Eltern ausreichend schlafen, Unterstützung haben und sich mit ihren Sorgen ernst genommen fühlen oder ob sie dauerhaft unter Zeitdruck stehen, erschöpft sind und versuchen, allem gleichzeitig gerecht zu werden. Wenn wir darüber sprechen, was Kinder für eine gesunde Entwicklung brauchen, dürfen wir deshalb die Lebensbedingungen ihrer Eltern nicht außer Acht lassen. Natürlich spielen die Beziehung zwischen Eltern und Kind, die emotionale Begleitung und der Umgang mit Stress eine wichtige Rolle. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch fragen, unter welchen Bedingungen Eltern überhaupt die Möglichkeit haben, ihren Kindern die Begleitung zu geben, die sie sich wünschen.
Genau an diesem Punkt setzt die TURTLE-Studie an. Tabea Cwienzek hat in unserem Gespräch erklärt, warum wissenschaftliche Daten dabei helfen können, die Bedürfnisse von Familien deutlicher sichtbar zu machen. Wenn beispielsweise viele Eltern unabhängig voneinander berichten, dass bestimmte Regelungen rund um die Elternzeit, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder fehlende Unterstützung eine Belastung darstellen, lassen sich daraus andere Erkenntnisse gewinnen als aus einzelnen Erfahrungsberichten. Natürlich führen solche Forschungsergebnisse nicht automatisch zu politischen Veränderungen. Sie können aber eine wichtige Grundlage dafür schaffen, bestehende Angebote und Rahmenbedingungen zu hinterfragen und gezielter weiterzuentwickeln. Gerade deshalb halte ich diese Forschung für so wertvoll. Denn wenn wir Familien wirklich stärken möchten, reicht es nicht, immer nur auf das Verhalten einzelner Eltern zu schauen. Wir müssen auch die Bedingungen berücksichtigen, unter denen Familien leben.
Die TURTLE-Studie wird als anonyme Online-Befragung durchgeführt. Dabei werden die Teilnehmenden nach ihren persönlichen Erfahrungen rund um die Schwangerschaft, die Geburt und das erste Lebensjahr des Kindes gefragt. Ein wichtiger Bestandteil sind offene Fragen, bei denen die Befragten in eigenen Worten schildern können, was sie beschäftigt, welche Herausforderungen sie erleben und was ihnen in dieser Zeit geholfen hat. Das Besondere daran ist, dass die Familien nicht ausschließlich aus vorgegebenen Antwortmöglichkeiten auswählen müssen. Sie bekommen auch die Gelegenheit, ihre eigenen Erfahrungen und Gedanken einzubringen. Für die Teilnahme solltest du ungefähr 20 bis 30 Minuten einplanen. Je nachdem, in welcher Lebensphase du dich gerade befindest, kann die Befragung auch kürzer ausfallen. Sie kann online am Smartphone, Tablet oder Computer ausgefüllt werden. Die Teilnahme ist freiwillig und anonym. Wer genau wissen möchte, wie die Daten verarbeitet werden, findet die entsprechenden Informationen im Rahmen der Befragung.
Ein Thema, über das wir im Podcast ausführlicher gesprochen haben, ist die Rolle der Väter. Denn obwohl Väter einen wichtigen Teil des Familienlebens ausmachen, wurden ihre Erfahrungen in der Forschung rund um Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit einem Baby lange weniger berücksichtigt. Dabei erleben auch sie den Übergang zur Elternschaft mit ganz eigenen Herausforderungen. Vielleicht möchten sie mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen, stehen aber gleichzeitig unter dem Druck, finanziell für die Familie sorgen zu müssen. Vielleicht sind sie unsicher, welche Rolle sie einnehmen können, oder erleben die Veränderungen in der Partnerschaft als belastend. Auch die Frage, warum Väter Elternzeit nehmen oder sich dagegen entscheiden, lässt sich nicht unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen und den jeweiligen Lebensbedingungen betrachten. Mit der TURTLE-Studie sollen deshalb auch ihre Erfahrungen stärker berücksichtigt werden. Gleiches gilt für Großeltern und andere wichtige Bezugspersonen. Gerade in der ersten Zeit mit einem Baby kann es für Eltern eine enorme Entlastung sein, wenn sie Menschen an ihrer Seite haben, die sie unterstützen. Gleichzeitig können auch innerhalb des familiären Umfelds Erwartungen, Konflikte oder zusätzliche Belastungen entstehen. Indem die Studie verschiedene Familienmitglieder einbezieht, können die Forschenden ein umfassenderes Bild davon gewinnen, wie Familien diese Lebensphase erleben und welche Unterstützung tatsächlich hilfreich ist.
Die Datenerhebung läuft noch bis Ende 2026. Anschließend werden die Antworten wissenschaftlich ausgewertet. Da die Untersuchung in mehreren europäischen Ländern durchgeführt wird, können die Forschenden auch vergleichen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich zwischen den Ländern zeigen. Dabei könnten beispielsweise unterschiedliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen, kulturelle Erwartungen oder Unterstützungsmöglichkeiten eine Rolle spielen. Wie erleben Familien in verschiedenen Ländern die Zeit nach der Geburt? Welche Herausforderungen tauchen immer wieder auf? Und gibt es Unterstützungsangebote oder Bedingungen, die von Familien als besonders hilfreich wahrgenommen werden? Solche Erkenntnisse können dazu beitragen, besser zu verstehen, welche Faktoren Familien in dieser Lebensphase stärken und wo Unterstützungsangebote möglicherweise verbessert werden sollten. Darüber hinaus können die Ergebnisse als Ausgangspunkt für weitere Forschungsprojekte dienen. Denkbar wären beispielsweise auch Untersuchungen, die Familien über einen längeren Zeitraum begleiten und der Frage nachgehen, wie sich frühe Erfahrungen und Belastungen auf die weitere Entwicklung auswirken. Wichtig ist dabei: Die TURTLE-Studie untersucht zunächst die Erfahrungen und Einschätzungen der teilnehmenden Familien. Sie kann damit wichtige Zusammenhänge und Bedürfnisse sichtbar machen, aber nicht allein nachweisen, welche Maßnahmen langfristig zu bestimmten Veränderungen führen.
Wenn du gerade schwanger bist oder dein Kind innerhalb der vergangenen zwölf Monate geboren wurde, kannst du noch bis Ende 2026 an der Studie teilnehmen. Auch als Vater, Partnerin, Partner, Großelternteil oder andere enge Bezugsperson kannst du deine Erfahrungen einbringen, wenn du eine Familie in dieser Zeit begleitest. Die Teilnahme ist ab 18 Jahren möglich und dauert ungefähr 20 bis 30 Minuten. Die Befragung steht auf Deutsch und Englisch zur Verfügung.
Hier findest du alle wichtigen Links:
Direkt zur Studie: https://redcap.link/turtlestudy
Weitere Informationen: https://tud.link/hd74gu
Instagram: @childandfamily.mentalhealthlab
Falls du selbst nicht zur Zielgruppe gehörst, kannst du die Studie trotzdem unterstützen, indem du sie mit werdenden Eltern oder Familien mit Babys in deinem Umfeld teilst.
Denn je mehr unterschiedliche Menschen teilnehmen, desto vielfältiger können die Erfahrungen sein, die in die Forschung einfließen.
Was ich aus dem Gespräch mit Tabea Cwienzek besonders mitgenommen habe, ist die Bedeutung der gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Familien leben. Wir sprechen viel darüber, wie Eltern ihre Kinder begleiten können, wie sie mit schwierigen Situationen umgehen und was Kinder für eine gesunde Entwicklung brauchen. Das sind wichtige Fragen, mit denen ich mich auch in meiner Arbeit jeden Tag beschäftige. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass Eltern selbst Bedürfnisse haben und Unterstützung brauchen. Wer dauerhaft erschöpft ist, unter Druck steht oder sich mit seinen Herausforderungen alleingelassen fühlt, hat es oft deutlich schwerer, geduldig und zugewandt auf sein Kind einzugehen. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir nicht ausschließlich darüber sprechen, was Eltern anders machen sollten, sondern auch darüber, was Familien brauchen, um ihren Alltag gut bewältigen zu können. Die TURTLE-Studie kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie die Erfahrungen vieler unterschiedlicher Familien sammelt und wissenschaftlich untersucht. Ich hoffe sehr, dass sich möglichst viele Eltern und Bezugspersonen beteiligen und ihre Perspektive einbringen. Denn wenn wir möchten, dass sich die Bedingungen für Familien verbessern, müssen wir zunächst einmal genauer verstehen, wie es ihnen tatsächlich geht und was sie brauchen.
Die TURTLE-Studie ist eine europaweite Online-Studie der TU Dresden, die untersucht, wie werdende und frischgebackene Eltern die Zeit rund um Schwangerschaft und Geburt erleben. Im Fokus stehen die Belastungen, aber auch die Ressourcen, die Familien im ersten Jahr mit Kind wirklich stärken. Ziel ist es, Familien in dieser besonderen Lebensphase künftig besser zu unterstützen.
Die Zeit rund um die Geburt ist eine echte Umbruchsphase: Dein Nervensystem läuft oft auf Hochtouren, Schlafmangel, hormonelle Umstellungen und neue Rollen innerhalb der Partnerschaft fordern dich enorm. Auch wenn schon Geschwisterkinder da sind, verschiebt sich das Familiengefüge noch einmal komplett. Es ist völlig normal, sich in dieser Phase überfordert zu fühlen – du musst das nicht allein tragen.
Teilnehmen können alle, die aktuell schwanger sind oder im ersten Jahr nach der Geburt eines Kindes leben – und zwar nicht nur Mütter. Besonders willkommen sind Väter, deren Perspektive in der Forschung bislang oft fehlt, aber auch Großeltern und andere enge Bezugspersonen. Innerhalb einer Familie dürfen gern mehrere Personen einzeln teilnehmen, um verschiedene Blickwinkel sichtbar zu machen.
Die Studie findet komplett online statt – du kannst sie bequem am Handy oder Laptop ausfüllen, zum Beispiel während das Baby auf dir schläft oder du gerade stillst. Je nach Lebensphase und wie ausführlich du antwortest, dauert es etwa 20 bis 30 Minuten. Deine Daten werden anonym und nach deutschen Datenschutzrichtlinien erhoben.
Väter werden in der Forschung rund um Schwangerschaft und Geburt bisher viel zu selten gehört, obwohl sie das Familiensystem entscheidend mitprägen. Ihre Erfahrungen – zu Elternzeit, Arbeitsdruck oder dem Hineinwachsen in die neue Rolle – sind wertvoll, um Familien ganzheitlich zu verstehen. Je mehr väterliche Perspektiven einfließen, desto besser können zukünftige Unterstützungsangebote wirklich zu Familien passen.
Deine Antworten schaffen eine wissenschaftliche Grundlage, um Familien politisch und gesellschaftlich sichtbarer zu machen – etwa bei Themen wie Elternzeit, Stillen oder Rückkehr in den Beruf. Je mehr Eltern teilnehmen, desto stärker wird eure gemeinsame Stimme für Veränderungen, die Familien entlasten. Und wenn es Eltern gut geht, profitieren langfristig auch die Kinder in ihrer gesunden Entwicklung – ganz im Sinne von Verbindung vor Gehorsam und echter Co-Regulation.