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Generationentrauma am Esstisch: Hör auf, es weiterzugeben! Ronia Schiftan

Veröffentlich
14.10.26
Leonie Ries
Autor

Generationentrauma am Esstisch: Ernährungspsychologin Ronia Schiftan erklärt, wie Essprägungen entstehen & was du heute verändern kannst.

Generationentrauma am Esstisch: Hör auf, es weiterzugeben! – mit Ronia Schiftan

Kennst du dieses Gefühl, wenn dein Kind den Teller nicht leer isst und in dir sofort etwas anspringt, ohne dass du es bewusst steuerst? Oder wenn du beim Abendessen schon darüber nachdenkst, wann du endlich wieder aufstehen kannst?

Was am Familientisch passiert, hat oft mit viel mehr zu tun als nur mit Essen. Es geht um Prägungen, Erfahrungen, Generationen und um all die stillen Stimmen, die wir mit an den Tisch bringen.

Darüber habe ich mit Ronia Schiftan gesprochen. Sie ist Gesundheits- und Ernährungspsychologin und beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie Essverhalten, Körperbild und gesellschaftliche Normen unser Familienleben prägen. Unser Gespräch hat bei mir einiges angestoßen. Vielleicht erkennst auch du darin Dinge wieder, die du schon lange spürst, aber bisher nicht richtig greifen konntest.

Wer ist Ronia Schiftan?

Ronia Schiftan ist Gesundheitspsychologin FSP und Ernährungspsychologin ZEP aus Bern. In ihrer Praxis begleitet sie Kinder, Jugendliche und Erwachsene rund um die Themen Ernährung, Körperbild und Essverhalten. Gleichzeitig unterrichtet sie an Hochschulen in der Schweiz und Deutschland, hält Vorträge und Keynotes und engagiert sich in der Gesundheitsförderung.

Ein besonderes Anliegen ist ihr der verantwortungsvolle Umgang mit Ernährungs- und Körperbildthemen, gerade auch im digitalen Raum. Ronia Schiftan ist außerdem Autorin des Buches „Wie Kinder essen – Kindliches Essverhalten verstehen, Prägungen reflektieren und Familien entspannen“, das im März 2026 im Beltz Verlag erschienen ist. Und sie ist selbst Mama eines sechsjährigen Kindes.

Warum der Familientisch so viel mehr ist als ein Ort zum Essen

Ronia Schiftan beschreibt im Gespräch sehr treffend, dass am Familientisch nie nur die Menschen sitzen, die wir sehen. Da sitzen auch Großeltern und Urgroßeltern mit, gesellschaftliche Normen, eigene Kindheitserfahrungen, Vorstellungen davon, wie ein Kind essen sollte, und all die unausgesprochenen Erwartungen, die wir mit uns tragen.

Das macht Essen in Familien so komplex und für viele auch zu einem echten Stressfaktor. Denn die Erwartungen richten sich nicht nur an die Kinder. Auch an uns selbst stellen wir hohe Ansprüche: Wir wollen gesund kochen, eine schöne Atmosphäre schaffen, alle zufriedenstellen und am besten noch dafür sorgen, dass gemeinsames Essen zu wertvoller Familienzeit wird. Und das mehrfach am Tag.

Dass dabei das eigene Nervensystem irgendwann auf Hochtouren läuft, ist kaum verwunderlich.

Generationentrauma am Esstisch: Woher kommen unsere Prägungen?

Im Gespräch beschreibt Ronia Schiftan anschaulich, wie sich Einstellungen zu Essen über Generationen weitergeben können. Die Kriegsgeneration hat erlebt, dass Essen nicht selbstverständlich ist. Daraus entstanden Haltungen wie: Je mehr, desto besser. Der Teller wird leer gegessen. Essen wird nicht verschwendet. Man ist dankbar für das, was da ist.

Die Babyboomer, also die Kinder dieser Generation, wuchsen dagegen zunehmend in einer Zeit des Wohlstands auf. Gleichzeitig gewann die Diätkultur stark an Bedeutung. Jane Fonda, Brigitte-Diät, FDH. Plötzlich wurde Schlanksein immer stärker mit Disziplin, Attraktivität und Erfolg verknüpft. Viele Millennials erinnern sich daran, dass ihre Mütter Diäten gemacht, den eigenen Körper kritisch kommentiert oder auch die Körper ihrer Kinder bewertet haben.

Und wir, die Millennial-Eltern von heute? Wir tragen viele dieser Prägungen weiter in uns und bekommen zusätzlich Social Media dazu.

Ronia Schiftan beschreibt es so: Das Schlankheitsideal ist nicht verschwunden. Es hat teilweise nur eine andere Sprache bekommen. Statt ausschließlich über Schlankheit wird heute viel über Gesundheit, Fitness oder Selbstoptimierung gesprochen. Die zugrunde liegende Idee kann dabei ähnlich bleiben: Der Körper soll über Ernährung möglichst gezielt kontrolliert und optimiert werden.

Was Social Media mit unserem Nervensystem macht

Ronia Schiftan weist auf einen wichtigen Punkt hin: Uns beeinflussen nicht nur die direkten Ernährungsinformationen, die wir auf Social Media sehen. Mindestens genauso bedeutsam sind die indirekten Botschaften. Wie Menschen auf Fotos posieren. Welche Körper wir ständig sehen. Welche Filter verwendet werden. Welche Lebensmittel gezeigt werden. Wer als gesund, attraktiv oder erfolgreich dargestellt wird.

Unser Gehirn sammelt all diese Eindrücke und entwickelt daraus eine Vorstellung davon, was vermeintlich normal ist. Wenn wir uns dann selbst im Spiegel betrachten, vergleichen wir uns möglicherweise mit genau diesem medial geprägten Bild. Und dieser Vergleich kann Stress auslösen.

Ronia Schiftan beschreibt außerdem, dass wir besonders dann empfänglich für solche Botschaften sein können, wenn wir müde oder erschöpft sind. Wenn wir beispielsweise abends auf dem Sofa durch Social Media scrollen, fehlt uns möglicherweise eher die Energie, Inhalte kritisch zu hinterfragen.

Auch die Qualität von Ernährungsinformationen im Netz sieht sie kritisch. Im Gespräch verweist sie auf Studien, nach denen ein großer Teil der verbreiteten Ernährungsinformationen fachlich falsch, verkürzt oder zumindest problematisch sein kann.

Kinder kommen esskompetent zur Welt – und wir steuern sie aus dem Takt

Einer der wichtigsten Gedanken aus unserem Gespräch ist für mich die Aussage von Ronia Schiftan, dass Kinder mit einer natürlichen Esskompetenz auf die Welt kommen. Sie beschreibt Kinder zunächst als stark innenreizgesteuert: Sie nehmen Hunger, Sättigung und körperliche Bedürfnisse wahr und reagieren darauf.

Schwierig kann es werden, wenn wir Erwachsenen anfangen, diese Signale immer wieder von außen zu übersteuern.

Ein einfaches Beispiel: Ein Kind sagt: „Ich habe Hunger.“ Der Vater antwortet: „In zwanzig Minuten gibt es Mittagessen. Warte bitte noch.“ Ronia Schiftan beschreibt, dass ein Kind daraus langfristig lernen kann: Mein inneres Signal ist offenbar nicht entscheidend. Andere wissen besser als ich, wann ich Hunger haben darf.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Familien keine Strukturen oder gemeinsamen Essenszeiten mehr haben sollten. Aber es lohnt sich, sich bewusst zu machen, welche Botschaften wir Kindern über ihre eigene Körperwahrnehmung vermitteln.

Auch das, was viele Eltern als „Picky Eating“ bezeichnen, ist laut Ronia Schiftan häufig Teil der normalen kindlichen Entwicklung. Kinder erkunden Geschmäcker, durchlaufen Phasen und bevorzugen zeitweise bestimmte Lebensmittel sehr stark. Ronia verweist im Gespräch auch auf eine schwedische Studie, die zeigt, dass Eltern das Essverhalten ihrer Kinder teilweise als wählerischer einschätzen, als es tatsächlich ist.

Wenn „gesund“ im Kinderhirn „eklig“ bedeutet

Hier teilt Ronia Schiftan einen Gedanken, der mich besonders zum Nachdenken gebracht hat. Kinder kommen mit einer natürlichen Vorliebe für süßen Geschmack auf die Welt. Fruchtwasser ist süß, Muttermilch ist süß. Süße Lebensmittel sind energiereich und werden von Kindern häufig leichter akzeptiert. Bittere oder saure Geschmäcker dagegen müssen Kinder zum Teil erst kennenlernen.

Was passiert also, wenn wir Gemüse und Obst ständig als „gesund“ hervorheben und Süßes gleichzeitig als „ungesund“, „schlecht“ oder problematisch markieren?

Ronia Schiftan beschreibt die Gefahr, dass Kinder daraus irgendwann eine ganz andere Verknüpfung entwickeln: Gesund ist das, was nicht besonders gut schmeckt. Und das vermeintlich Ungesunde wird gleichzeitig durch Verbote und Verknappung immer interessanter.

Sie vergleicht diesen Effekt im Gespräch mit einem bekannten Phänomen an Tankstellen: Sobald angekündigt wird, dass etwas knapp oder teurer wird, steigt plötzlich der Wunsch, sich noch schnell möglichst viel davon zu sichern. Ähnlich kann es mit Süßigkeiten sein. Je stärker wir sie rationieren, verbieten oder emotional aufladen, desto größer kann ihre Bedeutung werden.

Körperautonomie beginnt am Mund

Eine Aussage von Ronia Schiftan ist mir besonders im Kopf geblieben: Wenn wir unseren Kindern vermitteln möchten, dass ihr Körper ihnen gehört, dass sie Nein sagen dürfen und ihre eigenen Grenzen wahrnehmen sollen, dann gilt das auch beim Essen.

Was kommt in meinen Körper hinein? Auch das ist Körperautonomie.

Ein Kind zum Essen zu zwingen, zum Probieren zu drängen oder über sein Sättigungsgefühl hinweg zum Weiteressen zu bewegen, steht deshalb für Ronia Schiftan im Widerspruch zu dem, was wir Kindern an anderer Stelle über ihre körperlichen Grenzen vermitteln möchten.

Das ist kein Vorwurf. Aber es ist eine Einladung, genauer hinzuschauen.

Was du jetzt konkret tun kannst

Der erste Schritt, den Ronia Schiftan empfiehlt, beginnt nicht beim Kind, sondern bei uns selbst.

Frag dich einmal: Wie esse ich, wenn ich ganz alleine zu Hause bin? Wie war Essen in meiner eigenen Kindheit? Welche Sätze habe ich immer wieder gehört? Welche Überzeugungen über Essen und Körper trage ich heute noch mit mir herum? Und passen sie eigentlich noch zu dem, was ich meinen eigenen Kindern vermitteln möchte?

Ronia empfiehlt, einmal die eigene Ernährungs- oder Körperbiografie aufzuschreiben. Was habe ich als Kind über Essen gelernt? Welche Sätze höre ich heute noch in meinem Kopf? Welche davon möchte ich bewusst nicht weitergeben? Und vor allem: Wie soll sich Essen in meiner Familie eigentlich anfühlen?

Ihr Grundgedanke dabei ist angenehm pragmatisch: Alles, was unnötig Stress erzeugt, darf überprüft werden. Alles, was mehr Entspannung bringt, darf mehr Raum bekommen.

Das klingt zunächst simpel. Aber auf den Familienalltag übertragen, kann es einiges verändern. Vielleicht bedeutet das, nicht dreimal täglich gemeinsam essen zu müssen. Vielleicht bedeutet es, nicht darauf zu bestehen, dass ein Kind die ganze Mahlzeit über still und gerade am Tisch sitzt. Vielleicht bedeutet es auch, Regeln zu hinterfragen, die wir bisher einfach übernommen haben, ohne je wirklich zu prüfen, warum sie uns eigentlich so wichtig sind.

Und falls du denkst, dass es dafür längst zu spät ist, weil dein Kind schon größer ist: Ronia Schiftan macht im Gespräch Mut. Kinder entwickeln sich gemeinsam mit uns. Auch wenn wir Dinge jahrelang auf eine bestimmte Art gemacht haben, dürfen wir sie verändern.

Das Buch von Ronia Schiftan: „Wie Kinder essen“

Viele der Themen aus unserem Gespräch vertieft Ronia Schiftan auch in ihrem Buch „Wie Kinder essen – Kindliches Essverhalten verstehen, Prägungen reflektieren und Familien entspannen“. Darin geht es um kindliches Essverhalten, unsere eigenen Prägungen, Körperbilder und die Frage, wie mehr Entspannung an den Familientisch kommen kann. Auch Themen wie Neurodivergenz und Hochgewicht finden darin Raum.

Und es gibt einen Abschnitt, für den Ronia nach eigener Aussage ausdrücklich gekämpft hat: „Fuck Perfect“. Denn Perfektion am Esstisch ist nicht das Ziel. Entspannung schon.

Fazit: Verbindung statt Kontrolle am Familientisch

Was ich aus diesem Gespräch mitnehme und was ich dir mitgeben möchte: Du sitzt am Esstisch nie völlig unbelastet. Du bringst deine eigene Geschichte mit, deine Erfahrungen, die Sätze deiner Eltern und vielleicht sogar Erfahrungen und Ängste früherer Generationen.

Und du kannst nicht alles richtig machen.

Du weißt heute nicht, in welcher Welt deine Kinder später leben werden und welche Dinge sie einmal anders bewerten werden als du. Vielleicht nimmt genau das ein bisschen Druck heraus.

Was du aber tun kannst, ist innehalten und dich fragen, welche Stimmen du weitergeben möchtest und welche nicht mehr zu dir und deinen heutigen Werten passen. Nicht aus dem Anspruch heraus, alles perfekt zu machen, sondern weil du bewusster entscheiden möchtest.

Kinder brauchen keine makellosen Mahlzeiten. Sie brauchen Erwachsene, die bereit sind, ihre eigenen Muster anzuschauen, und einen Familientisch, an dem nicht ständig Kontrolle, Bewertung und Druck im Mittelpunkt stehen.

Wenn du merkst, dass das Thema Essen in eurer Familie belastet ist oder sich auch in anderen Alltagssituationen immer wieder Machtkämpfe entwickeln, begleite ich dich gerne dabei, genauer hinzuschauen. Nicht mit der Frage: Wie bekomme ich mein Kind dazu, endlich zu funktionieren? Sondern mit der Frage: Was passiert hier eigentlich gerade zwischen uns und wie können wir wieder mehr Verbindung schaffen?

Du möchtest tiefer einsteigen?

Dann lass uns sprechen. In einem unverbindlichen Kennenlerngespräch schauen wir gemeinsam, wo du gerade stehst und wie ich dich unterstützen kann.

Und wenn dir dieser Artikel etwas mitgegeben hat, teile ihn gerne mit anderen Eltern. Denn je bewusster wir unsere eigenen Prägungen betrachten, desto eher können wir entscheiden, welche davon wir an die nächste Generation weitergeben möchten und welche bei uns enden dürfen.

Auch als Video verfügbar

Bereit für den Weg zu einer glücklicheren und stressfreieren Familie?

Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt.

Häufige Fragen

Warum ist Essen in Familien oft so emotional aufgeladen?

Weil am Esstisch nicht nur Hunger und Geschmack eine Rolle spielen. Auch eigene Kindheitserfahrungen, gesellschaftliche Vorstellungen, Diätkultur und familiäre Prägungen beeinflussen, wie wir auf das Essverhalten unserer Kinder reagieren.

Ist es problematisch, wenn mein Kind den Teller nicht leer isst?

Nicht grundsätzlich. Kinder sollten lernen dürfen, ihre eigenen Hunger- und Sättigungssignale wahrzunehmen. Wenn sie regelmäßig zum Aufessen gedrängt werden, kann das dazu führen, dass äußere Regeln wichtiger werden als die eigene Körperwahrnehmung.

Ist Picky Eating bei Kindern normal?

Wählerisches Essverhalten gehört bei vielen Kindern phasenweise zur normalen Entwicklung. Kinder brauchen Zeit, um neue Geschmäcker kennenzulernen, und können zeitweise sehr klare Vorlieben haben. Sehr stark eingeschränktes oder belastendes Essverhalten sollte allerdings genauer angeschaut werden.

Sollte ich mein Kind dazu bringen, wenigstens einmal zu probieren?

Druck ist in der Regel wenig hilfreich. Ein Kind darf Lebensmittel kennenlernen, ohne zum Probieren gezwungen zu werden. Entscheidend ist, dass Essen möglichst nicht mit Machtkämpfen, Bewertung oder Angst verknüpft wird.

Wie kann ich verhindern, meine eigenen Essensprägungen an mein Kind weiterzugeben?

Ganz verhindern lässt sich Prägung nicht. Hilfreich ist aber, die eigene Geschichte bewusst anzuschauen: Welche Sätze über Essen und Körper habe ich selbst gelernt? Welche davon möchte ich weitergeben und welche nicht?