
Erfahre, warum Nikolaus-Drohungen mehr Schaden anrichten können, als du denkst – und wie du emotionale Gewalt erkennst, vermeidest und stattdessen echte Verbindung zu deinem Kind stärkst. Für eine liebevolle, magische Adventszeit ohne Angst und Beschämung.
Mitten im Dezember – oder auch später, wenn du diesen Text liest – taucht ein Thema immer wieder auf. Nikolaus, Weihnachtsmann, Christkind. Figuren, die für viele Familien zu dieser Zeit ganz selbstverständlich dazugehören. Und gleichzeitig Figuren, die immer noch sehr häufig als Autorität genutzt werden, um das Verhalten von Kindern beeinflussen zu wollen.
Ich verstehe, warum Eltern zu solchen Methoden greifen. Sie können den Alltag scheinbar erleichtern. Sie können Konflikte entschärfen, zumindest auf den ersten Blick. Denn in dem Moment verschiebe ich den Konflikt, der eigentlich zwischen mir und meinem Kind liegt, nach außen. Ich steige aus der Verantwortung aus und übertrage sie auf eine fiktive Figur. Auf jemanden, der stellvertretend ausspricht, was mich persönlich stört.
Das hat mehrere Effekte – und die sind nicht harmlos.
Zum einen nehmen wir unsere eigene subjektive Bewertung aus der Situation heraus. Immer dann, wenn uns ein Verhalten unseres Kindes stört, ist das zunächst einmal unsere persönliche Wahrnehmung. Vielleicht würde der andere Elternteil es ganz anders sehen. Vielleicht auch eine außenstehende Person. Doch in dem Moment, in dem Nikolaus, Weihnachtsmann oder Christkind ins Spiel kommen, bekommt diese subjektive Einschätzung plötzlich einen scheinbar objektiven Charakter.
Dann heißt es nicht mehr: „Mich stört das gerade“, sondern: „Du bist immer zu unordentlich.“
Nicht mehr: „Ich wünsche mir etwas anderes“, sondern: „Der Nikolaus findet das nicht gut.“
Diese Verschiebung macht etwas mit Kindern. Denn aus einer persönlichen Grenze wird eine vermeintlich allgemeingültige Wahrheit.
Der zweite Punkt ist mir fast noch wichtiger: Wenn wir wirklich langfristig Verhalten verändern wollen, reicht es nicht, auf das Verhalten selbst zu schauen. Entscheidend ist immer die Frage: Warum zeigt ein Kind dieses Verhalten? Was steckt dahinter? Welche Bedürfnisse, welche Überforderung, welche Dynamik?
Wenn ich stattdessen Druck aufbaue – noch dazu über eine Figur, die ich selbst vorschiebe –, verliert das Kind jede Möglichkeit, sich selbst zu verstehen. Es geht nicht mehr um Einsicht, sondern um Angst. Um die Angst vor Konsequenzen: keine Geschenke, weniger Geschenke, Tadel, Beschämung.
Und selbst wenn ein Kind keine panische Angst vor dem Nikolaus hat – diese Situationen sind oft beschämend. Gerade dann, wenn jemand als Nikolaus verkleidet auftaucht und vor anderen aufzählt, was gut war und was nicht.
Stell dir vor, dein Chef würde dich vor dem ganzen Team vorführen und öffentlich bewerten. Das würde niemand als konstruktiv empfinden. Bei Erwachsenen finden solche Gespräche – zu Recht – unter vier Augen statt. Mit dem Ziel, Lösungen zu finden. Bei Kindern passiert das oft genau andersherum.
Wenn wir mit Drohungen oder Beschämung arbeiten, übergehen wir den eigentlichen Kern: Es gibt immer einen Grund für Verhalten. Kinder handeln nicht gegen uns. Sie handeln für sich.
Wenn wir beginnen, diesen Grund zu verstehen, verändert sich alles. Dann können wir gemeinsam hinschauen, gemeinsam Lösungen entwickeln. Dann geht es nicht mehr um Macht, sondern um Beziehung. Dieses gemeinsame Herangehen fällt jedoch komplett weg, wenn wir Verantwortung an eine externe Figur abgeben.
Nach dem Motto: „Ich sag dem Nikolaus Bescheid, dann regelt der das.“
Oft höre ich dann: „Aber es funktioniert doch.“
Kurzfristig vielleicht. Langfristig nicht.
Kinder sind keine Maschinen. Man kann keinen Knopf drücken und erwarten, dass sie dauerhaft „funktionieren“. Je mehr wir mit Drohungen und Beschämung arbeiten, desto eher lernen Kinder, Dinge zu verstecken, zu unterdrücken oder so zu verändern, dass wir Erwachsenen es nicht mitbekommen. Das ist das Gegenteil von dem, was wir uns wünschen.
Hinzu kommt: Diese Methoden wirken nur in einem begrenzten Alter. Irgendwann glaubt ein Kind nicht mehr an den Nikolaus. Und dann?
Dann stehen wir da – und haben jahrelang nicht in Beziehung investiert, sondern in Kontrolle. Dann verlieren unsere „Werkzeuge“ ihre Wirkung, und übrig bleibt oft eine Distanz, die wir so nie beabsichtigt haben.
Wenn wir ehrlich sind, sollten wir uns deshalb selbst fragen:
Warum stört mich dieses Verhalten so sehr?
Was ist mein Anteil an dieser Situation?
Und was wünsche ich mir eigentlich wirklich?
Ein Unterschied ist es, ob ich sage:
„Mir ist Ordnung wichtig, weil ich mich dann wohler fühle. Lass uns gemeinsam schauen, wie wir das hier besser hinbekommen.“
Oder ob ich sage:
„Der Nikolaus bringt keine Geschenke, wenn dein Zimmer nicht aufgeräumt ist.“
Das eine ist Beziehung. Das andere ist Druck.
Natürlich brauchen Familien diese Figuren nicht. Und gleichzeitig dürfen sie wunderschön sein. Geheimnisvoll. Zauberhaft. Etwas, worauf Kinder sich freuen. Aber Feste, Geschenke und besondere Momente sollten niemals an Verhalten gekoppelt sein. Sobald das passiert, sind wir wieder bei Drohung, Strafe oder Belohnung – nur ausgelagert auf jemand Drittes.
Viele von uns kennen diese Muster aus der eigenen Kindheit. Vielleicht hat es sich damals nicht schlimm angefühlt. Vielleicht hast du keine Angst erlebt. Trotzdem lohnt sich die Frage: Wofür war es eigentlich gut?
Hat es wirklich etwas nachhaltig verändert – oder nur kurzfristig angepasst?
Wenn wir möchten, dass Kinder verstehen, mitdenken, mitfühlen und sich langfristig entwickeln, dann braucht es etwas anderes als Angst. Dann braucht es Gespräch, Beziehung und echtes Interesse an dem, was hinter einem Verhalten steckt.
Mein Wunsch ist, dass Kinder sich auf die anstehenden Feste freuen dürfen. Auf Nikolaus, Weihnachten, all das Schöne, das diese Zeit mit sich bringt. Ohne negative Gefühle, ohne Druck, ohne Beschämung. Sondern als das, was es sein kann: ein liebevolles Miteinander.
In diesem Sinne wünsche ich euch eine wunderbare Adventszeit, schöne Feiertage und viele verbindende Momente.
Hab einen wunderschönen Tag 💛