
Unbezahlte Care-Arbeit bildet das tragende Fundament unserer Gesellschaft und bleibt dennoch weitgehend unsichtbar. Täglich organisieren, begleiten, versorgen und tragen vor allem Frauen Familienstrukturen, ermöglichen Erwerbsarbeit und sichern damit indirekt wirtschaftlichen Wohlstand. Gleichzeitig sind sie überdurchschnittlich von Erschöpfung, finanzieller Abhängigkeit und Altersarmut betroffen. Dieser Beitrag beleuchtet die historischen, gesellschaftlichen und strukturellen Hintergründe dieser Ungleichverteilung, zeigt die Auswirkungen auf Elternschaft, Partnerschaft und Gesundheit auf und macht deutlich, warum Selbstfürsorge nicht privat, sondern politisch ist. Im Kontext des Internationalen Frauentags lädt er dazu ein, Care-Arbeit bewusst sichtbar zu machen und Verantwortung neu zu denken.
Wer hat heute bei Euch zu Hause dafür gesorgt, dass das Kind oder die Kinder angezogen sind? Wer hat entschieden, was sie tragen, wer hat darauf geachtet, dass passende Kleidung im Schrank liegt und diese zuvor eingekauft, gewaschen und einsortiert wurde? Wer hat das Essen geplant, eingekauft und vorbereitet? Wer hat das Kind emotional begleitet, insbesondere dann, wenn Ihr heute gemeinsam das Haus verlassen habt? Und was wäre geschehen, wenn Du all das nicht getan hättest, vielleicht auch nur einen Teil davon?
Wenn Du Vater bist und diesen Beitrag liest, mag es sein, dass die Mutter nicht alles allein übernommen hat. Dennoch stellt sich die Frage, wie groß ihr tatsächlicher Anteil an dieser alltäglichen Arbeit ist. Wer kennt die Schuhgröße der Kinder, behält Arzttermine und schulische Verpflichtungen im Blick, denkt an Geburtstagsgeschenke, Vorsorgeuntersuchungen und anstehende To dos? Wer wird angerufen, wenn das Kind krank ist, und wer bleibt zu Hause, wenn Betreuung gebraucht wird? Und was würde passieren, wenn Mütter all das für einen Tag oder auch nur für eine Stunde nicht übernehmen würden?
Am 8. März begehen wir den Internationalen Frauentag. Am darauffolgenden Tag, dem 9. März, wird vielerorts zu einem Frauenstreik aufgerufen. Dabei geht es nicht darum, individuelle Lebensmodelle zu bewerten oder zu definieren, was eine gute Mutter ausmacht. Es geht auch nicht darum, Rollenbilder gegeneinander auszuspielen. Vielmehr stellt sich die grundlegende Frage, worauf der wirtschaftliche Reichtum unseres Landes tatsächlich basiert. Ohne unbezahlte Arbeit, die überwiegend von Frauen geleistet wird, würde unser gesellschaftliches und wirtschaftliches System in dieser Form nicht funktionieren.
Ein Blick in die Geschichte verdeutlicht, welche Kraft in kollektiver Sichtbarkeit liegt. Im Jahr 1975 legten in Island rund neunzig Prozent aller Frauen ihre Arbeit nieder. Sie streikten nicht nur in ihren bezahlten Berufen, sondern verweigerten auch konsequent die unbezahlte Haus-, Pflege- und Sorgearbeit. Schulen mussten schließen, Betriebe gerieten ins Stocken, Männer nahmen ihre Kinder mit ins Büro, weil die gewohnte Betreuung nicht stattfand. Das öffentliche Leben kam nahezu zum Stillstand. Dieser Tag schrieb Geschichte, führte zu einem nachhaltigen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel und trug dazu bei, dass wenige Jahre später die erste Präsidentin Islands ins Amt gewählt wurde. Ein einziger Tag machte sichtbar, was sonst selbstverständlich und unsichtbar im Hintergrund geschieht.
Auch heute gilt Island als eines der Länder mit der fortschrittlichsten Gleichstellungspolitik, und dennoch sind wir in Deutschland noch weit entfernt von echter Gleichberechtigung. Der Gender Pay Gap und der Gender Care Gap sind keine theoretischen Konstrukte, sondern reale strukturelle Ungleichheiten. Hinzu kommt, dass medizinische Forschung lange Zeit den männlichen Körper als Standard betrachtete. Symptome von Herzinfarkten bei Frauen werden deshalb häufiger übersehen, was dazu führt, dass Frauen zwar seltener einen Herzinfarkt erleiden, jedoch häufiger daran sterben. Auch in der Automobilindustrie zeigte sich diese Schieflage, als frühe Airbag Modelle auf den männlichen Körper ausgerichtet waren und Frauen dadurch einem höheren Risiko ausgesetzt waren. Obwohl es inzwischen weibliche Crashtest Dummys gibt, ist deren Einsatz bis heute nicht verpflichtend. Diese Beispiele machen deutlich, wie tief strukturelle Ungleichheit verankert ist.
Im Kontext von Elternschaft zeigt sich diese Ungleichverteilung besonders deutlich. Männer, die Elternzeit nehmen möchten, erleben teilweise berufliche Nachteile oder subtile Abwertung. Wenn Väter Kind-krank-Tage in Anspruch nehmen, werden sie nicht selten gefragt, ob es keine Mutter gebe, die diese Aufgabe übernehmen könne. Es ist jedoch so, dass Mütter dreimal häufiger Kind-krank-Tage nehmen, als Väter. Auch in der Teilzeitarbeit zeigt sich ein klares Bild: Mütter reduzieren ihre Arbeitszeit deutlich häufiger als Väter. Die Pflege von Angehörigen, ob von Kindern mit besonderen Bedürfnissen oder von älteren Familienmitgliedern, liegt ebenfalls überwiegend in weiblicher Verantwortung.
Diese Verteilung ist nicht zufällig entstanden, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Sozialisation und gesellschaftlicher Zuschreibungen. Frauen wird Fürsorglichkeit und soziale Kompetenz zugeschrieben, während Männer stärker als Ernährer wahrgenommen werden. Gleichzeitig bleibt ein Großteil dieser Sorgearbeit unbezahlt, obwohl sie das Fundament unserer Gesellschaft bildet. Denn nur wenn im Hintergrund jemand organisiert, pflegt, begleitet und emotional trägt, kann jemand anderes uneingeschränkt dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Der wirtschaftliche Wohlstand unserer Gesellschaft basiert maßgeblich auf dieser unsichtbaren Arbeit.
Die Folgen dieser Struktur sind gravierend. Frauen sind überdurchschnittlich von Altersarmut betroffen, arbeiten häufiger in Teilzeit und erzielen trotz vergleichbarer Qualifikation geringere Einkommen. Hinzu kommt die enorme Menge unbezahlter Care-Arbeit, die sich nicht rentensteigernd auswirkt. Besonders Alleinerziehende, überwiegend Mütter, sind von finanzieller Unsicherheit betroffen. Auch Kinderarmut ist eng mit diesen strukturellen Rahmenbedingungen verknüpft. Dabei handelt es sich nicht um individuelles Versagen, sondern um ein gesellschaftliches Problem.
Ich kenne diese Dynamik auch aus eigener Erfahrung. Es gab Phasen, in denen die Rollenverteilung in unserer Familie stark in Richtung eines traditionellen Modells verschoben war. Die Pandemie hat diese Entwicklung zusätzlich verstärkt. Gesellschaftliche Erwartungen und internalisierte Bilder darüber, wer für Erwerbsarbeit und wer für Fürsorge zuständig ist, wirken oft subtil, aber kraftvoll. Dabei wissen wir heute, dass Kinder keinen bestimmten Elternteil aufgrund seines Geschlechts brauchen. Sie benötigen einen feinfühligen, zugewandten Erwachsenen, der ihre Bedürfnisse wahrnimmt und angemessen darauf reagiert. Bindung ist keine Frage des Geschlechts, sondern der Beziehung und der Zeit.
In meiner Arbeit spreche ich häufig über bewusste Elternschaft, über Selbstfürsorge und das Erkennen eigener Grenzen. Doch Selbstfürsorge erschöpft sich nicht in einem Schaumbad oder einer Yogastunde. Selbstfürsorge ist politisch, weil sie bedeutet, die eigene Arbeit und die eigene Zeit als wertvoll anzuerkennen und für strukturelle Gerechtigkeit einzustehen. Wenn wir möchten, dass unsere Kinder in einem gerechteren System aufwachsen, müssen wir beginnen, bestehende Strukturen sichtbar zu machen und zu hinterfragen.
Auch im finanziellen Kontext wird oft übersehen, dass das Einkommen, das in eine Partnerschaft eingebracht wird, nicht allein Ausdruck individueller Leistung ist, sondern stark von strukturellen Bedingungen abhängt. Der Gender Pay Gap ist real, ebenso wie die Tatsache, dass Care-Arbeit die Erwerbsbiografien von Frauen häufig unterbricht oder einschränkt. Gleichzeitig stehen viele Mütter unter enormem Druck, beruflich erfolgreich zu sein, emotional verfügbar für ihre Kinder zu bleiben, den Haushalt zu organisieren und gesellschaftlichen Schönheits- und Rollenidealen zu entsprechen. Diese kumulierten Erwartungen führen bei zahlreichen Frauen zu chronischer Erschöpfung oder sogar zu einem Mütter Burnout. Auch das ist kein persönliches Scheitern, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Überforderung.
Es ist eine kollektive Verantwortung, dafür zu sorgen, dass es Müttern gut geht, denn nur wenn es Müttern gut geht, können auch Kinder gesund aufwachsen. Für die Zukunft brauchen wir Kinder, die psychisch stabil sind, die keine Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit machen und die lernen, Beziehungen auf Augenhöhe zu gestalten. Care-Arbeit ist die Grundlage für eine friedliche und solidarische Gesellschaft.
Der Aufruf zum Frauenstreik am 9. März versteht sich nicht als Aufruf zur Lieblosigkeit oder zur Vernachlässigung von Kindern. Es geht um Sichtbarkeit. Vielleicht bedeutet ein persönlicher Streik, an diesem Tag nicht perfektionistisch zu sein, keine zusätzlichen Leistungen zu erbringen oder bewusst Verantwortung abzugeben. Vielleicht ist es der Anlass für ein Gespräch über Vereinbarkeit, über gerechte Aufteilung von Arbeit und über gegenseitige Wertschätzung. Auch für Alleinerziehende kann ein Zeichen anders aussehen, etwa in Form eines bewussten Benennens der eigenen Leistung oder eines Austauschs mit anderen Betroffenen.
Kinder leiden nicht darunter, wenn ihre Mütter für Gerechtigkeit einstehen. Sie leiden vielmehr darunter, wenn Mütter dauerhaft über ihre Grenzen gehen, ausbrennen und sich selbst verlieren. Wenn wir unseren Kindern vorleben, dass unsere Arbeit Wert hat und dass wir für faire Bedingungen eintreten, vermitteln wir ihnen ein wichtiges gesellschaftliches Lernen.
Dabei geht es nicht um einen Kampf gegen Männer oder um Schuldzuweisungen. Es geht um Bewusstsein und um strukturelle Veränderung. Partner können und sollten Teil dieser Veränderung sein. Gemeinsam kann deutlich gemacht werden, dass Care-Arbeit keine private Nebensache ist, sondern das tragende Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Informiere Dich, ob es in Deiner Region Veranstaltungen oder Demonstrationen gibt, beispielsweise in Städten wie Berlin, Hamburg oder Stuttgart. Vernetze Dich mit Initiativen wie dem Töchterkollektiv, Hunderttausend Mütter oder Genug, die sich für Sichtbarkeit und strukturelle Veränderungen einsetzen.
Wenn wir möchten, dass unsere Töchter selbstverständlich fair bezahlt werden und unsere Söhne lernen, Verantwortung für Sorgearbeit zu übernehmen, beginnt Veränderung nicht irgendwann in der Zukunft, sondern im Hier und Jetzt. Sie beginnt mit Gesprächen, mit klar benannten Grenzen und mit dem Mut, nicht länger selbstverständlich zu funktionieren.
Ohne Care-Arbeit steht alles still. Ohne uns steht alles still.
Und vielleicht ist es an der Zeit, dass wir das als Gesellschaft bewusst wahrnehmen.