
Diplom-Pädagogin und Spiegel-Bestseller Autorin Susanne Mierau im Interview: Warum Mütter nicht für die Erziehung von Vätern zuständig sind und was feministische Mutterschaft mit Bindung zu tun hat.
Kennst du das? Du hast Bücher gelesen, Podcasts gehört und weißt genau, was dein Kind braucht. Dein Partner schaut zu und du fragst dich: Wie erkläre ich ihm das jetzt bloß?
Genau an dieser Stelle setzt Susanne Mierau an. Und ihre Antwort ist so klar wie befreiend: Das ist nicht deine Aufgabe.
Ich habe mich im Gespräch mit Susanne Mierau tief ins Thema feministische Mutterschaft vorgewagt. Und das Gespräch hat mich selbst noch mal ordentlich zum Nachdenken gebracht.
Wenn du spürst, dass du in deiner Partnerschaft zu viel trägst, lies unbedingt weiter.
Susanne Mierau, ist Diplom-Pädagogin, Bloggerin und mehrfache Spiegel-Bestseller-Autorin. Sie studierte Pädagogik mit Schwerpunkt Kleinkindpädagogik an der Freien Universität Berlin und arbeitete dort in Forschung und Lehre. 2012 gründete sie das bekannte Blog „Geborgen Wachsen" (https://geborgen-wachsen.de/). Seitdem begleitet sie Eltern mit fundiertem Fachwissen rund um Bindungstheorie, Bedürfnisorientierung und Mutterschaft (https://bindungsbegleitung.de).
Zu ihren bekanntesten Büchern gehören Emotional Load, Muttersein und New Moms for Rebel Girls. Ihr neues Buch erscheint im Herbst 2026 und trägt den Titel: „Genug erklärt. Warum Mütter nicht für die Erziehung von Vätern zuständig sind."
Dieser Satz von Susanne Mierau hat mich wirklich getroffen. Denn er stellt etwas klar, das wir selten so direkt aussprechen.
Wir wissen: Kinder brauchen sichere Bezugspersonen. Wir wissen: Feinfühligkeit und emotionale Verfügbarkeit sind entscheidend. Aber wir übersehen dabei oft, wer diese Feinfühligkeit aufbringt – und zu welchem Preis.
Wenn Mütter dauerhaft überlastet sind, wirkt sich das auf ihre Feinfühligkeit aus. Auf ihr Nervensystem. Auf die Verbindung zum Kind. Das ist keine Schwäche. Das ist eine direkte Folge ungleicher Lastverteilung.
Susanne Mierau bringt es auf den Punkt:
„Wir sprechen davon, dass die Bedürfnisse aller wichtig sind. Deswegen müssen wir da natürlich gleichwertig drauf gucken."
Bedürfnisorientierung endet nicht beim Kind. Sie beginnt auch bei dir.
Susanne Mierau war ein Jahr lang mit ihrem Buch „Emotional Load" auf Tour. Lesungen, Workshops, Vorträge. Und überall kam dieselbe Frage.
„Wie überzeuge ich meinen Mann, sich mehr einzubringen?"
Ihre Antwort war jedes Mal dieselbe: Das ist nicht deine Aufgabe.
Und genau darin liegt das Paradox. Du möchtest deinen Emotional Load verringern. Aber der Versuch, deinen Partner zu überzeugen, erzeugt noch mehr Emotional Load. Du trägst die Last und bist gleichzeitig zuständig dafür, andere davon zu überzeugen, dass du sie trägst.
Das ist kein persönliches Versagen. Das ist ein strukturelles Muster.
Im Gespräch haben wir auch über Maternal Gatekeeping gesprochen. Also das Phänomen, dass Mütter unbewusst die Kontrolle über Erziehungsaufgaben behalten. Weil sie es „besser wissen". Oder weil sie Angst vor den Konsequenzen haben, wenn etwas schiefläuft.
Und hier wird es ehrlich. Denn die Konsequenzen landen oft trotzdem bei der Mutter. Das Kind kommt mit der falschen Brotdose in die Kita. Die Erzieherin schaut dich an. Nicht den Vater.
Susanne Mierau sagt dazu klar:
„Das bringt dir dann gar nichts, wenn ich sage, okay, dann machst du das, aber dann habe ich die doppelte Arbeit danach."
Das bedeutet: Loslassen funktioniert nur, wenn beide Seiten wirklich Verantwortung übernehmen. Nicht nur Aufgaben erledigen. Sondern Verantwortung denken, planen und tragen.
Susanne Mierau macht in diesem Gespräch eine wichtige Unterscheidung. Verantwortung übernehmen bedeutet nicht, zu tun, was man gesagt bekommt.
Es bedeutet: selbst nachdenken, selbst informieren, selbst handeln.
„Ich nutze nicht nur meine Partnerperson als Sekundärliteratur, sondern ich mache das selber."
Väter dürfen Bücher lesen. Podcasts hören. Eltern-Kind-Kurse besuchen. Sich mit dem Thema Regulation und Bedürfnisorientierung auseinandersetzen. Nicht weil die Partnerin es fordert. Sondern weil sie Elternteil sind.
Und für dich als Mutter bedeutet das: Du darfst Empfehlungen aussprechen. Du darfst sagen, was dir wichtig ist. Aber du bist nicht verantwortlich dafür, dass dein Partner lernt, ein engagierter Vater zu sein.
Einer der stärksten Momente im Gespräch war dieser:
„Ich habe das Recht, diese Grenze zu ziehen. Und ich habe auch das Recht zu sagen: Nein, das ist ein wichtiges Thema."
Wie viele von uns haben das wirklich verinnerlicht? Dass wir das Recht haben, einzufordern, dass unsere Sorgearbeit gesehen wird? Dass unsere Bedürfnisse zählen?
Susanne Mierau zieht hier einen Vergleich, der mich sehr berührt hat. Wenn einem Kind jeden Tag signalisiert wird, dass das, was es tut, unwichtig ist, wissen wir alle: Das hinterlässt Spuren im Selbstwertgefühl.
Bei Müttern passiert genau das. Täglich. Und wir nennen es normal.
Es ist nicht normal. Und du musst es nicht akzeptieren.
Bindungsorientierte Erziehung hat immer auch eine Vorbilddimension. Kinder lernen nicht nur durch das, was wir ihnen sagen. Sie lernen durch das, was sie täglich erleben.
Was sehen deine Kinder bei dir und deinem Partner?
Sehen sie eine Mutter, die für ihre Bedürfnisse einsteht? Einen Vater, der Care-Arbeit übernimmt und Emotionen zeigt? Oder sehen sie, dass Fürsorge weiblich ist und Distanz männlich?
Susanne Mierau verweist auf Studien, die zeigen: Mädchen mit Vätern, die aktiv Care-Arbeit leisten, sind selbstbewusster in ihrer Berufswahl. Und Söhne, die erleben, dass ihr Vater Emotionen zeigt und trägt, lernen genau das auch.
Gleichberechtigung in der Partnerschaft ist kein politisches Statement. Sie ist eine Investition in die Entwicklung deiner Kinder.
Wir sprechen viel über Co-Regulation. Darüber, wie wir das Nervensystem unserer Kinder regulieren. Wie wir Verbindung vor Gehorsam stellen.
Aber Co-Regulation setzt voraus, dass dein eigenes Nervensystem reguliert ist. Dass du nicht dauerhaft im Überlebensmodus bist. Dass du Kapazität hast, präsent zu sein.
Genau deshalb ist das Thema Lastverteilung kein Luxusproblem. Es ist die Grundlage für alles, was wir uns für unsere Kinder wünschen.
Wenn du weniger trägst, kannst du mehr geben. Nicht weil du weniger liebst. Sondern weil dein Nervensystem endlich Luft hat.
Das Gespräch mit Susanne Mierau hat mich einmal mehr darin bestärkt: Bindungsorientierte Erziehung und feministische Haltung gehören zusammen. Sie schließen sich nicht aus. Sie bedingen sich.
Du musst deinen Partner nicht zur Erziehung erziehen. Du musst nicht alle Bücher lesen und das Wissen dann häppchenweise weitergeben. Du musst nicht dafür sorgen, dass er eine sichere Bindung zu eurem Kind aufbaut.
Das ist seine Aufgabe. Nicht deine.
Was du tun kannst: klar kommunizieren, wo deine Grenze ist. Einfordern, was du brauchst. Und dir erlauben zu glauben, dass du dieses Recht hast.
Denn du hast es.
Du möchtest das vollständige Gespräch mit Susanne Mierau hören? Weiter unten findest Du das Video oder höre direkt in meinen Podcast (https://podcast.leonie-ries.de)
Und wenn du merkst, dass du in deiner Partnerschaft oder Elternschaft gerade an einem Punkt bist, wo du Unterstützung brauchst, dann lass uns sprechen. In einem kostenfreien Kennenlerngespräch schauen wir gemeinsam, wo du gerade stehst und wie ich dich begleiten kann.
Herzlich
Leonie