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Susanne Mierau: Warum Mütter aufhören müssen, Väter zur Erziehung zu erziehen

Veröffentlich
1.7.26
Leonie Ries
Autor

Diplom-Pädagogin und Spiegel-Bestseller Autorin Susanne Mierau im Interview: Warum Mütter nicht für die Erziehung von Vätern zuständig sind und was feministische Mutterschaft mit Bindung zu tun hat.

Kennst du das? Du hast Bücher gelesen, Podcasts gehört, dich mit bindungsorientierter Elternschaft, Bedürfnissen und kindlicher Entwicklung beschäftigt und weißt ziemlich genau, was dein Kind braucht. Dein Partner schaut zu und du fragst dich irgendwann: Wie erkläre ich ihm das jetzt bloß? Genau an dieser Stelle setzt Susanne Mierau an. Und ihre Antwort ist so klar wie befreiend: Das ist nicht deine Aufgabe.

Ich habe mich im Gespräch mit Susanne Mierau intensiv mit feministischer Mutterschaft, ungleicher Lastverteilung und der Frage beschäftigt, warum so viele Mütter nicht nur einen großen Teil der Sorgearbeit übernehmen, sondern zusätzlich das Gefühl haben, ihre Partner in Sachen Elternschaft mitnehmen, informieren und anleiten zu müssen. Dieses Gespräch hat mich selbst noch einmal sehr zum Nachdenken gebracht. Denn gerade wenn wir bindungsorientiert leben wollen, lohnt es sich, nicht nur auf die Beziehung zu unseren Kindern zu schauen, sondern auch darauf, unter welchen Bedingungen Mütter und Väter überhaupt Eltern sein können.

Wer ist Susanne Mierau?

Susanne Mierau ist Diplom Pädagogin, Bloggerin und mehrfache SPIEGEL Bestseller Autorin. Sie studierte Pädagogik mit Schwerpunkt Kleinkindpädagogik an der Freien Universität Berlin und arbeitete dort in Forschung und Lehre. 2012 gründete sie den bekannten Blog „Geborgen Wachsen“ (https://geborgen-wachsen.de/). Seitdem begleitet sie Eltern mit fundiertem Fachwissen rund um Bindungstheorie, Bedürfnisorientierung und Mutterschaft (https://bindungsbegleitung.de). Zu ihren bekanntesten Büchern gehören „Emotional Load“, „Muttersein“ und „New Moms for Rebel Girls“. Ihr neues Buch erscheint im Herbst 2026 und trägt den Titel „Genug erklärt. Warum Mütter nicht für die Erziehung von Vätern zuständig sind.“

Bindungsorientierte Erziehung funktioniert nur feministisch

Dieser Gedanke von Susanne Mierau ist bei mir besonders hängen geblieben. Denn er macht etwas sichtbar, über das wir aus meiner Sicht noch immer zu wenig sprechen. Wir wissen heute, wie wichtig sichere Bezugspersonen, Feinfühligkeit und emotionale Verfügbarkeit für Kinder sind. Gleichzeitig schauen wir oft zu wenig darauf, wer diese emotionale Arbeit im Alltag leistet und zu welchem Preis. Wenn Mütter dauerhaft überlastet sind, wenn sie ständig mitdenken, organisieren, erinnern, auffangen und regulieren, dann bleibt das nicht ohne Folgen. Es beeinflusst die eigenen Ressourcen, das Nervensystem und damit auch die Fähigkeit, in schwierigen Situationen feinfühlig und präsent zu bleiben. Das ist keine persönliche Schwäche. Es ist auch nicht einfach eine Frage von besserem Zeitmanagement oder mehr Selbstfürsorge. Es kann eine direkte Folge davon sein, dass Verantwortung innerhalb einer Familie ungleich verteilt ist.

Susanne Mierau sagt im Gespräch: „Wir sprechen davon, dass die Bedürfnisse aller wichtig sind. Deswegen müssen wir da natürlich gleichwertig drauf gucken.“ Genau darin liegt für mich ein entscheidender Punkt. Bedürfnisorientierung kann nicht beim Kind enden. Wir können nicht auf der einen Seite davon sprechen, dass jedes Familienmitglied mit seinen Bedürfnissen gesehen werden soll, und auf der anderen Seite stillschweigend voraussetzen, dass eine Person dauerhaft mehr trägt, mehr zurücksteckt und mehr Verantwortung übernimmt.

Wenn Entlastung selbst zur zusätzlichen Aufgabe wird

Susanne Mierau war ein Jahr lang mit ihrem Buch „Emotional Load“ auf Tour. Bei Lesungen, Workshops und Vorträgen begegnete ihr immer wieder dieselbe Frage: „Wie überzeuge ich meinen Mann, sich mehr einzubringen?“ Ihre Antwort darauf war jedes Mal dieselbe: Das ist nicht deine Aufgabe. Ich finde diesen Gedanken deshalb so stark, weil er ein Paradox sichtbar macht, in dem viele Frauen stecken. Sie möchten ihren Emotional Load verringern und übernehmen gleichzeitig die Verantwortung dafür, dem Partner zu erklären, dass es diesen Emotional Load überhaupt gibt. Sie suchen Bücher heraus, schicken Podcastfolgen, formulieren vorsichtig, erinnern, erklären und versuchen, den richtigen Moment für ein Gespräch zu finden. Damit entsteht eine weitere Aufgabe. Die Mutter trägt nicht nur die Last, sondern soll zusätzlich dafür sorgen, dass der andere sie erkennt und freiwillig einen Teil davon übernimmt.

Das ist nicht automatisch persönliches Versagen innerhalb einer einzelnen Beziehung. Dahinter stehen auch gesellschaftliche und strukturelle Muster, die über Generationen hinweg geprägt haben, wer sich für Fürsorge, Beziehungen und Familienorganisation zuständig fühlt. Im Gespräch haben wir in diesem Zusammenhang auch über Maternal Gatekeeping gesprochen. Gemeint ist damit das Phänomen, dass Mütter die Kontrolle über bestimmte Aufgaben rund um Kinder und Familie behalten und Vätern mitunter wenig Raum lassen, Dinge auf ihre eigene Weise zu tun. Das kann passieren, weil sie glauben, es besser zu wissen. Es kann aber auch damit zu tun haben, dass sie die möglichen Konsequenzen tragen müssen, wenn etwas nicht funktioniert. Ein einfaches Beispiel: Das Kind kommt mit der falschen Brotdose in die Kita und am Ende wird die Mutter darauf angesprochen. Oder ein Termin wird vergessen und sie ist diejenige, die neu organisieren, sich entschuldigen oder eine Lösung finden muss.

Susanne Mierau sagt dazu: „Das bringt dir dann gar nichts, wenn ich sage, okay, dann machst du das, aber dann habe ich die doppelte Arbeit danach.“ Genau deshalb greift die Aufforderung „Dann lass doch einfach mal los“ oft zu kurz. Loslassen funktioniert nur dann wirklich, wenn Verantwortung nicht nur kurzfristig abgegeben, sondern tatsächlich übernommen wird. Es geht nicht darum, einzelne Aufgaben nach Anweisung zu erledigen. Verantwortung bedeutet auch, selbst mitzudenken, zu planen, Informationen einzuholen, Entscheidungen zu treffen und die Konsequenzen zu tragen.

Väter brauchen keine private Fortbildung durch ihre Partnerin

Ein weiterer wichtiger Gedanke aus unserem Gespräch war für mich die Unterscheidung zwischen Helfen und Verantwortung übernehmen. Ein Vater übernimmt nicht automatisch gleichberechtigt Verantwortung, nur weil er Dinge erledigt, die ihm vorher erklärt oder aufgetragen wurden. Susanne Mierau formuliert es so: „Ich nutze nicht nur meine Partnerperson als Sekundärliteratur, sondern ich mache das selber.“ Väter können Bücher lesen, Podcasts hören, Eltern Kind Kurse besuchen und sich mit Regulation, Bindung und Bedürfnisorientierung beschäftigen. Sie können selbst Fragen stellen, sich Wissen aneignen und ihre eigene Beziehung zum Kind gestalten. Nicht, weil die Partnerin sie dazu auffordert, sondern weil sie Elternteil sind.

Für Mütter kann das bedeuten, einen Unterschied zu erkennen: Natürlich darfst du Empfehlungen aussprechen. Natürlich kannst du sagen, was dir wichtig ist oder welches Buch dich bewegt hat. Aber du bist nicht dafür verantwortlich, dass dein Partner lernt, ein engagierter Vater zu sein. Du bist auch nicht dafür zuständig, ihm jedes Konzept so aufzubereiten, dass er es möglichst leicht aufnehmen kann. Einer der stärksten Momente im Gespräch war für mich dieser Satz: „Ich habe das Recht, diese Grenze zu ziehen. Und ich habe auch das Recht zu sagen: Nein, das ist ein wichtiges Thema.“ Wie viele Frauen haben dieses Recht wirklich verinnerlicht? Das Recht zu sagen, dass die eigene Erschöpfung zählt. Dass Sorgearbeit gesehen werden muss. Dass die eigenen Bedürfnisse nicht erst dann wichtig werden, wenn alles andere erledigt ist.

Susanne Mierau zieht an dieser Stelle einen Vergleich, der mich sehr berührt hat. Wenn einem Kind jeden Tag signalisiert wird, dass das, was es tut, unwichtig ist, dann wissen wir, dass das Spuren im Selbstwertgefühl hinterlassen kann. Bei Müttern erleben wir gleichzeitig häufig, dass ein großer Teil ihrer täglichen Arbeit als selbstverständlich, nebensächlich oder kaum erwähnenswert behandelt wird. Das sollten wir nicht einfach als normal hinnehmen.

Was unsere Kinder dabei über Beziehungen lernen

Bindungsorientierte Elternschaft hat für mich immer auch eine Vorbilddimension. Kinder lernen nicht nur durch das, was wir ihnen erklären. Sie beobachten sehr genau, was in ihren Familien tatsächlich gelebt wird. Was sehen deine Kinder, wenn sie auf eure Partnerschaft schauen? Sehen sie eine Mutter, die für ihre Bedürfnisse einsteht? Einen Vater, der Sorgearbeit übernimmt, Verantwortung trägt und Gefühle zeigen kann? Oder erleben sie, dass Fürsorge vor allem weiblich ist und Distanz, Unzuständigkeit oder Rückzug eher männlich besetzt sind?

Im Gespräch verweist Susanne Mierau auch auf Forschung zu möglichen Auswirkungen väterlicher Beteiligung und gelebter Rollenbilder. Für mich ist der dahinterliegende Gedanke besonders wichtig: Kinder entwickeln ihre Vorstellungen davon, was Frauen und Männer tun, nicht nur durch Worte, sondern durch das, was sie jeden Tag erleben. Gleichberechtigung in der Partnerschaft ist deshalb nicht nur eine Frage zwischen zwei Erwachsenen. Sie prägt auch, welche Möglichkeiten Kinder später für sich selbst sehen und was sie über Nähe, Verantwortung, Fürsorge und Partnerschaft lernen.

Damit schließt sich für mich auch der Kreis zur Co Regulation. Wir sprechen viel darüber, wie wir Kinder in starken Gefühlen begleiten, wie wir Verbindung vor Gehorsam stellen und wie wichtig ein reguliertes Gegenüber ist. Doch Co Regulation setzt Ressourcen voraus. Es macht einen Unterschied, ob ein Elternteil grundsätzlich Kapazität hat oder dauerhaft im Funktionsmodus lebt. Genau deshalb ist die Frage nach Lastverteilung kein Luxusproblem. Wenn ein Mensch ständig organisiert, erinnert, plant, auffängt und emotional mitträgt, wirkt sich das auf die verfügbare Kraft aus. Nicht, weil dieser Mensch seine Kinder weniger liebt, sondern weil kein Nervensystem unbegrenzt belastbar ist.

Was ich aus dem Gespräch mitnehme

Das Gespräch mit Susanne Mierau hat mich noch einmal darin bestärkt, dass bindungsorientierte Elternschaft und eine feministische Perspektive für mich zusammengehören. Wenn wir ernst nehmen, dass die Bedürfnisse aller Familienmitglieder wichtig sind, dann müssen wir auch darauf schauen, wer Verantwortung trägt, wer sich anpasst und wer dauerhaft zurücksteckt.

Du musst deinen Partner nicht zur Erziehung erziehen. Du musst nicht alle Bücher lesen und das Wissen anschließend häppchenweise weitergeben. Du musst nicht dafür sorgen, dass er sich mit Bindung beschäftigt oder eine tragfähige Beziehung zu eurem Kind aufbaut. Das ist seine Verantwortung als Elternteil. Was du tun kannst, ist klar zu kommunizieren, wo deine Grenzen liegen und was du brauchst. Du darfst benennen, wenn die Lastverteilung für dich nicht mehr stimmt. Du darfst einfordern, dass wichtige Themen ernst genommen werden. Und vielleicht ist genau das für manche von uns der schwierigste Schritt: uns selbst wirklich zu glauben, dass wir dieses Recht haben.

Hör dir das ganze Gespräch an

Du möchtest das vollständige Gespräch mit Susanne Mierau hören? Weiter unten findest du das Video oder du hörst direkt in meinen Podcast hinein: https://podcast.leonie-ries.de

Und wenn du merkst, dass du in deiner Partnerschaft oder Elternschaft gerade an einem Punkt stehst, an dem du Unterstützung brauchst, dann lass uns sprechen. In einem kostenfreien Kennenlerngespräch schauen wir gemeinsam, wo du gerade stehst und wie ich dich begleiten kann.

Herzlich

Leonie

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