
Warum will mein Kind immer nur zur Mama? Leonie Ries erklärt die Wahrheit hinter dieser Familiendynamik und wie Verbindung wirklich
Du hast gerade einen richtig anstrengenden Wutanfall deines Kindes begleitet. Du bist in Verbindung gegangen, hast verstanden, was dein Kind gebraucht hätte, und gemeinsam seid ihr wieder zu einem ruhigen Miteinander gefunden. Und dann kommt dein Partner oder deine Partnerin und sagt: „Hör doch auf mit dem Gefühlszeug, das Kind muss einfach lernen, dass das Leben kein Wunschkonzert ist."
Wenn du das kennst, bist du hier genau richtig. Denn hinter der Frage „Warum will mein Kind immer nur zur Mama?" steckt so viel mehr als eine Frage der Erziehungsmethode. Es geht um Bindung, um unterschiedliche Wissensstände, um gesellschaftliche Prägung und letztlich um die Beziehung, die du und dein Partner oder deine Partnerin jeweils zu eurem Kind aufgebaut habt.
In diesem Blog-Artikel nehme ich euch mit auf eine ehrliche Reise durch diese Dynamik und zeige dir, was wirklich dahintersteckt und was du konkret tun kannst.
Kennst du das? Die Kinder rufen ständig nach Mama, wollen nur von ihr ins Bett gebracht werden, unterbrechen sie alle fünf Minuten. Beim anderen Elternteil hingegen läuft der Abend irgendwie entspannter ab. Und dann kommt der Satz: „Siehst du? Ich mache das offensichtlich richtig."
Ich möchte dich einladen, diese Situation einmal ganz anders zu betrachten. Denn was wir hier beobachten, hat nichts mit „richtig" oder „falsch" zu tun. Es hat mit Sicherheit, Vertrauen und Verbindung zu tun.
Stell dir vor, du gehst in eine Gemeinschaftspraxis mit zwei Ärztinnen oder Ärzten. Die eine erinnert sich an dich, knüpft an den letzten Termin an, hört dir zu, nimmt dich ernst und du gehst nicht als Nummer, sondern als Mensch. Die andere ist kompetent, aber distanzierter. Jedes Mal fängt ihr wieder von vorne an.
Wenn du die Wahl hast, zu welcher Person gehst du? Natürlich zu der, bei der du dich gesehen und verstanden fühlst. Nicht weil die andere schlechter ist, sondern weil du dort einfach mehr Vertrauen hast.
Genau so funktioniert es auch bei Kindern. Das Kind geht zu der Person, bei der es sich sicher fühlt, bei der seine Gefühle willkommen sind und bei der es das Gefühl hat: Hier werde ich verstanden. Das ist kein Zeichen von Schwäche der einen Person und kein Beweis für die Überlegenheit der anderen. Es ist schlicht und einfach Bindung.
Manchmal wird beobachtet, dass Kinder bei einem Elternteil schneller aufhören zu weinen. Das wird dann gerne als Beweis gewertet: „Ich mache es richtig, du machst es falsch.“ Doch allein daran, wie schnell ein Kind wieder ruhig ist, können wir nicht erkennen, was tatsächlich in ihm passiert.
Vielleicht gelingt es dem Kind in diesem Moment, sich zu beruhigen und wieder Sicherheit zu finden. Es kann aber auch sein, dass es seine Gefühle weniger offen zeigt, weil es erlebt hat, dass Weinen, Wut oder Traurigkeit bei dieser Person wenig Raum bekommen oder möglichst schnell beendet werden sollen. Das Weinen hört dann zwar auf, das bedeutet aber nicht automatisch, dass das Gefühl verarbeitet oder das dahinterliegende Bedürfnis gesehen wurde.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wer das Kind schneller zur Ruhe bringt. Wichtiger ist: Fühlt sich das Kind mit seinen Gefühlen sicher, verstanden und begleitet? Genau das unterstützt es dabei, seine Gefühle mit der Zeit selbst besser wahrzunehmen und zu regulieren.
Oft ist es so, dass ein Elternteil sich intensiv informiert hat: über kindliche Entwicklung, über Bindungsforschung, über bedürfnisorientierte Begleitung. Das andere Elternteil denkt vielleicht eher: „Es hat früher auch irgendwie funktioniert, warum so viel Aufhebens darum machen?"
Das hat viel mit unserer gesellschaftlichen Sozialisation zu tun. Wir sind in einem System aufgewachsen, in dem Frauen für die Fürsorge zuständig waren und Männer für das Einkommen. Care-Arbeit wird gesellschaftlich immer noch abgewertet, sie gilt nicht als „echte" Arbeit. Und wenn etwas gesellschaftlich wenig Wert bekommt, wird ihm auch weniger Aufmerksamkeit geschenkt.
Dazu kommt: Wer sich viel um den Alltag kümmert, weiß auch am meisten darüber. Wer weiß, welche Kleidergröße das Kind gerade trägt, wer die Schulsachen organisiert, wer die Arzttermine kennt? Diese Person hat nicht nur mehr Wissen, sondern auch mehr Einblick in das, was das Kind braucht. Es wäre nur konsequent, dieser Person auch mehr Kompetenz in Erziehungsfragen zuzutrauen.
Wenn jemand selbst sehr autoritär aufgewachsen ist und das Gefühl hat, es hat ihm nicht geschadet, dann wird er schwerer nachvollziehen können, warum es einen anderen Weg braucht. Das ist keine böse Absicht, das ist schlicht die eigene Prägung.
Und dann stellt sich die Frage: Wie geht diese Person eigentlich mit den eigenen Gefühlen um? Hat sie gelernt, dass Gefühle da sein dürfen? Oder hat sie gelernt, dass Gefühle zeigen Schwäche bedeutet, dass man sich zusammenreißen muss, dass man Ärger runterschluckt?
Wer selbst nie gelernt hat, dass Gefühle sicher sein können, wird es schwer haben, das dem eigenen Kind zu vermitteln. Das ist kein Vorwurf, das ist ein Verständnis, das uns hilft, mitfühlender miteinander umzugehen.
Ganz oft entsteht aus dieser Dynamik ein Konkurrenzkampf: Wer macht es richtig? Wessen Methode funktioniert besser? Und ich glaube, das ist die falsche Sichtweise. Denn die Lösung ist nicht, dass die einfühlsamere Person weniger einfühlsam wird. Die Lösung liegt darin, dass das andere Elternteil mehr Vertrauen aufbaut.
Zurück zur Arztpraxis: Die Antwort ist nicht, dass die gute Ärztin schlechter werden soll, damit beide gleich sind. Die Antwort ist, dass die andere Ärztin anfängt, mehr Vertrauen aufzubauen, mehr zuzuhören, mehr auf die Person einzugehen. Dann werde ich beim nächsten Mal sagen: Es ist mir egal, zu wem ich gehe, ich fühle mich bei beiden gut.
Wenn du oder dein Partner das Elternteil bist, das gerade die zweite Wahl ist, dann ist die wichtigste Frage: Wie kann ich die Verbindung zu meinem Kind stärken? Das bedeutet nicht, die andere Person zu kopieren. Jeder darf authentisch bleiben und seinen eigenen Weg finden.
Es geht darum, dem Kind immer wieder zu signalisieren: Ich sehe dich. Ich nehme dich wahr. Ich bin für dich da. Braucht es mehr gemeinsame Zeit? Intensivere gemeinsame Zeit? Mehr Verständnis? Mehr Wissen über das Kind? Diese Fragen dürfen ehrlich gestellt werden.
Und wenn du Veränderungen bei deinem Partner oder deiner Partnerin wahrnimmst, dann darf das auch anerkannt werden. Ein einfaches „Ich habe gesehen, das war gerade eine anstrengende Situation für dich, aber du hast ganz anders reagiert als sonst. Wie hat sich das angefühlt?" kann viel bewirken.
Anstatt in eine Grundsatzdiskussion zu gehen, wer recht hat, lohnt es sich, echte Neugier zu zeigen. Was glaubst du, warum ist es gut für unser Kind, wenn es XY lernt? Wie glaubst du, lernt ein Kind überhaupt? Woran machst du das fest?
Beide Elternteile wollen, dass es ihrem Kind gut geht. Der Unterschied liegt in der Überzeugung, wie das aussehen soll. Geht es darum, dass das Kind möglichst angepasst funktioniert? Oder darum, dass das Kind ein starkes Selbstwertgefühl entwickelt, seine Stärken und Schwächen kennt und das Gefühl hat: Ich bin gut so, wie ich bin?
Wenn du erkennst, dass dein Partner oder deine Partnerin nicht bewusst gegen das Kind handelt, sondern einfach eine andere Überzeugung hat, dann verändert das die gesamte Grundlage eurer Gespräche. Aus einem Machtkampf wird ein echtes Miteinander.
Hier ist etwas, das ich dir gerne klar mitgeben möchte: Es ist nicht deine Verantwortung, deinen Partner oder deine Partnerin zu verändern. Es ist nicht deine Aufgabe, ihn oder sie zu überzeugen. Und es ist auch nicht deine Verantwortung, für die Beziehung zwischen dem anderen Elternteil und dem Kind zu sorgen.
Die Verantwortung, eine Beziehung zum eigenen Kind aufzubauen, liegt bei der jeweiligen Person selbst. Manche Menschen übernehmen diese Verantwortung, manche nicht. Und es ist das gute Recht dieser Person, diese Entscheidung zu treffen.
Was du tun kannst: Dich auf deinen eigenen Einflussbereich fokussieren. Deiner Haltung treu bleiben, auch wenn du dafür Kritik bekommst. Klare Grenzen setzen, wenn das Kindeswohl betroffen ist, denn das Recht auf eine gewaltfreie Kindheit bezieht sich nicht nur auf den Körper, sondern auch auf die Seele und die Psyche. Und dir selbst genug Fürsorge entgegenbringen, denn nur wenn es dir gut geht, kannst du auch gut für dein Kind da sein.
Wenn du möchtest, dass dein Partner oder deine Partnerin mehr Verantwortung übernimmt, dann darf das auch klar ausgesprochen werden. Zum Beispiel: „Ich möchte, dass du an bestimmten Abenden die Kinder ins Bett bringst. Dazu gehört, dass die Zähne geputzt sind, die Kinder umgezogen sind und die Uhrzeit im Rahmen bleibt."
Aber dann gehört auch dazu, wirklich loszulassen. Nicht kontrollieren, wie es gemacht wird. Nicht den eigenen Weg als den einzig richtigen vorgeben. Denn auch hier gilt: Jeder darf seinen eigenen Weg finden, solange das Wohl des Kindes gewahrt bleibt.
Wenn dein Kind immer nur zur Mama will, dann ist das kein Zeichen dafür, dass irgendjemand versagt hat. Es ist ein Zeichen dafür, wo gerade die stärkste Verbindung ist. Und Verbindung lässt sich aufbauen, von jedem Elternteil, auf dem eigenen Weg und in der eigenen Geschwindigkeit.
Das Wichtigste ist, den Konkurrenzkampf zu beenden und stattdessen zu fragen: Was braucht mein Kind gerade? Und was brauche ich, um ihm das geben zu können? Denn am Ende wollen wir alle dasselbe: Kinder, die sich gesehen, geliebt und sicher fühlen.
Wenn du der Elternteil bist, der gerade die Bindungsperson Nummer eins ist, dann weißt du: Du machst etwas sehr Wertvolles. Und wenn du der Elternteil bist, der gerade mehr Verbindung aufbauen möchte, dann ist das der schönste erste Schritt, den du gehen kannst.
Kinder wenden sich häufig an die Person, bei der sie sich in einer bestimmten Situation besonders sicher, verstanden und emotional aufgefangen fühlen. Das bedeutet nicht automatisch, dass der andere Elternteil etwas falsch gemacht hat oder weniger geliebt wird. Auch Gewohnheiten, gemeinsame Erfahrungen, die aktuelle Entwicklungsphase und die jeweilige Alltagssituation spielen eine Rolle.
Die Ablehnung sollte möglichst nicht persönlich genommen oder mit Druck beantwortet werden. Hilfreicher ist es, wenn der Vater verlässlich im Kontakt bleibt, Interesse zeigt und gemeinsame Situationen schafft, in denen Nähe ohne Zwang entstehen kann. Vertrauen und Verbindung entwickeln sich durch viele kleine Erfahrungen und nicht dadurch, dass das Kind zum Kontakt gedrängt wird.
Dass ein Kind bei einem Elternteil schneller aufhört zu weinen oder weniger starke Gefühle zeigt, kann unterschiedliche Gründe haben. Vielleicht gelingt es ihm dort tatsächlich, sich zu beruhigen. Es kann aber auch sein, dass es seine Gefühle weniger offen zeigt, weil diese dort weniger Raum bekommen. Entscheidend ist deshalb nicht nur, wie schnell das Kind ruhig wird, sondern ob es sich dabei sicher, verstanden und begleitet fühlt.
Ein erzwungener Rückzug ist meist nicht notwendig. Das Kind sollte nicht den Eindruck bekommen, dass ihm seine vertraute Bezugsperson entzogen wird. Sinnvoller ist es, wenn der Vater schrittweise eigene Routinen und verlässliche gemeinsame Zeiten aufbaut. Gleichzeitig darf die Mutter Verantwortung abgeben und darauf vertrauen, dass der andere Elternteil seinen eigenen Weg mit dem Kind findet, solange dessen Grenzen gewahrt bleiben.
Unterschiedliche Haltungen lassen sich selten dadurch lösen, dass ein Elternteil den anderen von seiner Sichtweise überzeugen möchte. Hilfreicher ist es, über die Ziele hinter dem jeweiligen Verhalten zu sprechen: Was soll unser Kind daraus lernen? Wie soll es sich in unserer Familie fühlen? Und welche Wirkung hat unser Umgang langfristig? Eltern müssen nicht in jeder Situation identisch handeln, brauchen aber eine gemeinsame Grundlage, die die körperlichen und emotionalen Grenzen des Kindes schützt.